Selbstauskunft – Interview mit Nathalie Huber, LMU München

Datum: 24.Februar 2006
Dauer: 1 h 23 min
Ort: Hochschule für Philosophie, München

Herr Professor Pöttker – erst einmal ganz herzlichen Dank, dass Sie sich hier während der Tagung Zeit genommen haben, das Interview zu führen. Für Sie zur Orientierung: Sie sehen, dass ich einen Leitfaden vor mir liegen habe. Dieser ist grob in drei Blöcke eingeteilt. Wir beginnen mit dem Fachverständnis, danach wird es um die Arbeitsbedingungen gehen und zum Schluss werde ich Fragen zu Ihrer Karriere und Lebenssituation stellen. Jetzt beginne ich auch schon mit der ersten Frage: Sie haben 1997 gemeinsam mit Arnulf Kutsch das erste Sonderheft der Publizistik unter dem Titel „Kommunikationswissenschaft autobiographisch“ herausgegeben, in dem Nestoren der Kommunikationswissenschaft zu Wort kamen. In der Einleitung ist zu lesen, dass gerade in kleinen und jungen Fächern einzelne Wissenschaftlerpersönlichkeiten wichtig sind. Wie viel von Horst Pöttker steckt denn in der heutigen KW?

Von mir steckt in der KW hoffentlich, dass es in den letzten Jahren verstärkt Forschungen zur Geschichte des Fachs in der Zeit des Nationalsozialismus und deren mangelnder Verarbeitung gegeben hat. Ich habe ja vor mittlerweile fünf Jahren durch einen Artikel mit dem Titel „Mitgemacht – Weitergemacht – Zugemacht“, um den Michael Haller, der damalige Redakteur des Verbandsorgans der DGPuK Aviso, mich gebeten hatte, etwas Staub aufgewirbelt in dieser Richtung und ich sehe mit einer gewissen Befriedigung, dass dieser Staub – der sich nun mittlerweile gelegt hat – längerfristige Folgen hat. Es ist zu beobachten, dass in Leipzig, aber auch an anderen Orten, zu diesem Thema mehr geforscht wird als bisher. Dabei kommt es weniger auf die Quantität an als auf die Qualität, dass wir vor der Tatsache des Mitmachens nicht mehr die Augen verschließen. Ich weiß zum Beispiel, dass im nächsten Sonderheft der Publizistik – ich glaube, das ist Nummer 5 anlässlich des 50. Jubiläums der Zeitschrift – Wilmont Haacke sich zu diesen Fragen im Rahmen eines Artikels äußert, den Wilfried Scharf über ihn geschrieben hat und in dem er auch selbst zu Wort kommt. Und Haacke sagt dort, meines Wissens zum ersten Mal, dass es in seinen Arbeiten von damals sehr regimekonforme und antisemitische Stellen gibt, dass er nicht die Kraft zum Widerstand gehabt habe und es bedauere, dass es dazu gekommen ist. Das scheint mir immerhin ein positiver Effekt, und das schreibe ich auch dem kleinen Aviso-Artikel und der dadurch ausgelösten Aufregung zu. Wenn man davon ausgeht, dass die meisten mitgemacht haben… Alle nach 1945 – die gesamte deutsche Bevölkerung – hätte gleich so wie Haacke jetzt mit ihrer Vergangenheit umgehen müssen. Denn man hätte ja nicht die ganze Bevölkerung austauschen können. Also, ein klein bisschen was von Pöttker steckt heute wohl in diesem Fach, das er übrigens selbst nicht studiert hat. Aber dazu kommen wir bestimmt später noch, oder? (lacht)

Ja, genau! (lacht) Für die Befragung der Nestoren haben Sie mit Kutsch einen Leitfaden entwickelt, aus dem ich Ihnen nun zwei Fragen stellen werden.

Oh je, den kenne ich nicht mehr! (lacht) Das ist schon über zehn Jahre her…

… aber vielleicht kommen Ihnen die nächsten beiden Fragen dann doch bekannt vor? (lacht) Von welcher Forschungsperspektive, von welchem Gegenstandsfeld, oder gar welchem (in Anführungsstrichen) Paradigma lassen Sie sich bei Ihrer kommunikationswissenschaftlichen Tätigkeit leiten?

Sie können das der ersten Hälfte meiner Habilschrift entnehmen, die sich mit typischen Handlungsweisen in modernen Gesellschaften befasst. Ich bin geprägt von einem Ansatz, den ich aus der Soziologie kenne – das ist die Handlungstheorie von Max Weber. Ich habe als Student und auch später sehr gründlich Weber gelesen. Mir hat es immer eingeleuchtet, dass in einem Fach, das sich Kommunikationswissenschaft nennt und nicht Medienwissenschaft oder höchstens Kommunikations- und Medienwissenschaft – aber im Zentrum steht eben doch der Aspekt der Kommunikation – dass es in diesem Fach vor allem um Handlungen geht. Menschen, die kommunizieren, handeln. Der handlungstheoretische Ansatz geht ja von der Idee aus, dass Handeln ein menschliches Verhalten ist, dem ein subjektiver Sinn unterliegt, und dass es Regelmäßigkeiten dieser subjektiven Sinnbildung gibt. Solche Sinnmuster des auf Kommunikation angelegten Handelns untersuchen wir. Der Journalismus zum Beispiel, für den ich ausbilde im Rahmen dieses weitergespannten Fachs, ist zunächst einmal eine Handlungsweise, auf die die Ausbildung Einfluss nehmen will, indem sie auf ihren subjektiven Sinn, auf das, was Journalisten sich dabei denken, wenn sie beruflich handeln, Einfluss nimmt. Also, ich komme von der Handlungstheorie – das ist nicht gerade der gegenwärtige Mainstream, der ja eher von der Systemtheorie geprägt ist. Und noch aus einem anderen Grund gehöre ich nicht zum Mainstream: In methodologischer Hinsicht würde ich mich als Kritischen Rationalisten bezeichnen. Ich weiß natürlich, dass der Begriff der Objektivität sehr problematisch ist. Wir können der vorgegebenen Realität nicht endgültig habhaft werden, in unsere Wahrnehmung spielen immer subjektive Interessen und Perspektiven hinein. Ich setze aber doch voraus, dass wissenschaftliche Erkenntnis die Aufgabe hat, vorgegebenen Realitäten gerecht zu werden. Sie sollte deshalb die Begriffe Realität und Wahrheit nicht auflösen und nicht von vornherein annehmen, dass Erkenntnis nur Konstruktion sein kann. Dann bleibe ich lieber beim Begriff der Rekonstruktion. Wir können uns bemühen, vorgegebener Realität nahezukommen. Wir beobachten diese Realität ja auch nicht nur, sondern wir haben zu ihr ganz handfeste Beziehungen: Wir essen und trinken, wir stellen unser materielles Dasein aus der Umwelt her, wir leiden an der Realität, wir müssen mit ihr zurechtkommen – auch als Wissenschaftler sind wir nicht nur Beobachter. Diese materialistische Gewissheit habe ich von Karl Marx behalten, den ich in den 60ern und 70ern natürlich auch gelesen habe. Leider ist er ja mittlerweile dadurch in Misskredit, fast schon in Vergessenheit geraten, dass sich die Machtmenschen Lenin, Stalin und Honecker auf ihn berufen haben, wogegen er sich nicht wehren konnte. Marx hat gewusst: Ob und wie gut wir mit der Realität zurechtkommen, hängt nicht zuletzt von der Angemessenheit unserer Erkenntnis ab. Dass beim Konstruktivismus immer nur von Beobachtung die Rede ist, das macht mich gegenüber diesem Ansatz skeptisch. Auch wenn ich weiß, dass man die Wahrheit nicht schwarz auf weiß nach Hause tragen oder in einem einzelnen Erkenntnisakt feststellen kann. Wahrheitserkenntnis ist ein Prozess, der in Gang gehalten werden muss, und er wird sicherlich auch dadurch in Gang gehalten, dass wir uns klarmachen, subjektive Perspektiven und Interessen zu haben und dass Konstruktion in gewissem Maße immer an Erkenntnis beteiligt ist. Aber dass alles durch und durch konstruiert ist und dass es Realität außerhalb des Subjekts gar nicht gibt – das teile ich nicht. Schon deshalb, weil ich Journalisten ausbilde und ihnen Standards wie Richtigkeit, Vollständigkeit, gründliche Recherche nahebringen möchte. Das geht auf der Grundlage des Konstruktivismus schlecht, weil er oft als Freibrief für Phantasie und Beliebigkeit missverstanden wird. Ich kann vielleicht noch mit Lichtenberg argumentieren. Der Ober-Konstruktivist war ja bekanntlich Immanuel Kant, wenn wir nicht schon in die Antike zurückgehen wollen. Lichtenberg hat zweierlei über Kant gesagt: einmal, man könne erkenntnistheoretisch gegen ihn gar nichts einwänden – es gibt ja tatsächlich keine Möglichkeit, sich vorgegebener Realitäten außerhalb der subjektiven Wahrnehmung zu versichern. Was a priori gegeben ist, das ist der Apparat unserer Wahrnehmung und unseres Denkens, und hinter den können wir nicht zurück. Aber zum Glück hat sich Kant ja nicht nur mit reiner Vernunft, sondern auch mit praktischer Vernunft befasst. Und auf der anderen Seite hat Lichtenberg in einem seiner Aphorismen auch gesagt, dass die Kant’sche Erkenntnisphilosophie behaupten mag, was sie will, aber sie werde, wenn sie nicht zu einer belanglosen Lapperei verkommen wolle (lacht), dann werde sie doch zugeben müssen, dass es eine Welt gibt, der wir mit unserer Erkenntnis – und man kann hinzufügen: auch mit der Kommunikation des Erkannten – gerecht werden wollen. Das beschreibt, glaube ich, ganz gut die pragmatische Position des Kritischen Rationalismus. Das Bewusstsein, dass wir niemals sicher sein können, der Welt mit unserer Erkenntnis gerecht geworden zu sein, entkräftet diese Position nicht, ebensowenig wie das Bewusstsein, dass jeder Mensch sterben muss, die Notwendigkeit entkräftet, dass die Ärzte ihre berufliche Aufgabe erfüllen. Wenn Sie nach meinem „Paradigma“ gefragt haben, kommt nun noch etwas Drittes dazu. Das ist spezifischer für die Kommunikationswissenschaft als Handlungstheorie und Kritischer Rationalismus. Es ist die Überzeugung, dass Öffentlichkeit von entscheidender Wichtigkeit ist, weil die Lebensfähigkeit einer modernen Gesellschaft davon abhängt. Und auch, weil Individuen Öffentlichkeit brauchen, um ihr Leben zu gestalten. Mit Öffentlichkeit meine ich nicht ein soziales Gebilde, kein Ding. Sondern eine Eigenschaft von Kommunikation, die Eigenschaft der Transparenz. Öffentlichkeit bedeutet ein Optimum an Unbeschränktheit der gesellschaftlichen Kommunikation. Die sozialistischen Systeme sind auch daran gescheitert, dass es dort zu wenig Öffentlichkeit gab. Mein Freund Hans Poerschke, dem ich Anfang der 90er Jahre in Leipzig begegnet bin, hat das schon zu DDR-Zeiten gemerkt, als er noch Leiter des Wissenschaftsbereichs Geschichte und Theorie in der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität war. Das kann man aus seinen damaligen Publikationen herauslesen, wenn man dafür sensibel ist. Journalismus jedenfalls ist ein Beruf, der für das Herstellen von Öffentlichkeit verantwortlich ist. Viele Kollegen gehen von dieser grundlegenden Einsicht sehr schnell zu den Bedingungen und unvermeidlichen Beschränkungen über, denen das Engagement für diese Aufgabe in der Realität unterliegt: Aufmerksamkeitsökonomie des Publikums, Nachrichtenfaktoren, wirtschaftliche Erfordernisse usw. Ich bin aber überzeugt, dass es zunächst darauf ankommt, die Sensibilität für die Wichtigkeit von Öffentlichkeit und deren Funktionen zu stärken. Besonders, wenn man das berufliche Selbstbewusstsein von Journalisten in Deutschland stärken will. Das Öffentlichkeitsprinzip gilt ja hierzulande nicht sehr viel, jedenfalls nicht im Vergleich zu Nordamerika mit seiner langen Tradition der Pressefreiheit. Bei uns wird Öffentlichkeit eher als Bedrohung empfunden. Also, auch damit bewege ich mich nicht gerade im Mainstream.

Jetzt haben Sie sehr viel über Ihre Forschungsperspektive erzählt – jetzt auch wieder eine Frage aus Ihrem Leitfaden: Haben Sie denn eine – Sie haben das auch wieder in Anführungsstriche gesetzt – eine persönliche Strategie, um diese Forschungsperspektive, Ihre Ziele im Fach durchzusetzen?

Nein. Ich bin kein Begriffsstratege, der unbedingt will, dass seine Perspektive zur dominierenden wird. Es ist meine Perspektive. Handlungstheorie, Kritischer Rationalismus, Öffentlichkeitsprinzip – das beschreibt meine Herangehensweise. Aber ich würde nie sagen, dass andere die unbedingt teilen müssen. Ich verfolge sie, um zu konkreten Erkenntnissen zu kommen. Aber ich finde auch, dass es ebenso wichtig ist, einen Pluralismus von Perspektiven und Methoden im Fach zu haben. In Hinsicht Ihrer Frage habe ich wenig Ehrgeiz. Die Frontstellungen zwischen Schulen, Medienwissenschaft gegen Kommunikationswissenschaft, Konstruktivismus gegen Realismus, quantitative gegen qualitative Forschung, das finde ich alles ziemlich unfruchtbar. Ich bin für Methodenpluralismus und Überwindung des „methodischen Nationalismus“, wie Ulrich Beck das wohl genannt hat. Allerdings würde ich auch defensiv sagen: Wenn mir jemand das Recht nehmen wollte, meine Perspektive zu verfolgen (schmunzelt) – dagegen würde ich mich dann wehren!

Würden Sie denn gerne etwas am DGPuK-Selbstverständnispapier ändern? Soweit ich mich erinnere, wird dort der Kritische Rationalismus als das vorherrschende Paradigma, der Konstruktivismus und die Systemtheorie als starke alternative Paradigmen…

… ja, das wird da vielleicht so formuliert. Aber ich glaube, dass es in der gegenwärtigen Realität des Faches umgekehrt ist. Der Mainstream ist konstruktivistisch und systemtheoretisch. Leute wie ich bilden mittlerweile eine kleine radikale Minderheit – vielleicht ist das jetzt ein bisschen übertrieben. Aber es ist ja auch schon einige Zeit her, dass dieses Selbstverständnispapier formuliert wurde.

In Ihrer Antrittsvorlesung von 1996 erklärten Sie – ich zitiere: „Die Journalistik kann sich das Begriffs-Durcheinander ersparen, da sie über ein klares Abgrenzungskriterien verfügt, das ihre Forschungsfragen und ihren Wissensbestand durchwirkt. Das unterscheidet sie von der KW und der Medienwissenschaft. Der Fluchtpunkt für die Journalistik ist der Journalistenberuf.“ Was ist denn der Fluchtpunkt der KW? Oder anders gefragt: Was ist für Sie – gerade in Abgrenzung zur Journalistik – KW?

Keine Ahnung! (lacht) Muss ich vielleicht auch nicht haben, weil ich mich nur zum Teil als Kommunikationswissenschaftler sehe. Also, ich denke KW ist schon eher etwas, das sich, anders als die Journalistik, über den Gegenstand oder über eine Methode konstituiert. In dem Aufsatz, den Sie gerade zitiert haben, frage ich ja: „Was ist eigentlich Journalistik?“ Ich habe eine Professur für Journalistik, nicht für Kommunikationswissenschaft. Daher war meine Aufgabe am Anfang zu sagen, was Journalistik überhaupt ist. Und ich habe pragmatisch gesagt, das ist eine Wissenschaft, die den Journalismus begleitet, so ähnlich wie die Medizin den Arztberuf oder die Pädagogik den Lehrerberuf – wir können uns noch andere Beispiele ausdenken. Mittlerweile begleitet die Ernährungswissenschaft den Koch-Beruf und so weiter. Journalistik ist einerseits mehr als Kommunikationswissenschaft. Zur Journalistik gehören auch Sachwissenanteile, die nicht in die KW passen, weil sie nicht Kommunikation zum Gegenstand haben. Wir haben zum Beispiel in Dortmund auch Professuren für Recht und Wirtschaft – nicht für Medienrecht oder Medienökonomie, sondern für Recht und Ökonomie. Weil Journalisten über Kernbereiche der Gesellschaft, in der und für die sie arbeiten, gut Bescheid wissen müssen – das Rechtssystem gehört dazu, das Wirtschaftssystem gehört dazu. Ich bin in Dortmund übrigens für einen Sachwissenanteil zuständig, den kann man mit Sozialstruktur und Sozialgeschichte beschreiben, weil ich ja mal Soziologe war. Journalistik ist eben nicht nur mehr als KW, weil sie mehr Praxisanteile hat, sondern auch, weil es außerdem noch Sachwissenanteile gibt, bei denen sie sich auch an der Forschung beteiligen muss. Auf der anderen Seite ist Journalistik aber auch weniger als Kommunikationswissenschaft, weil es Bereiche von Kommunikation, von kommunikativem Handeln gibt, die für die Journalistik kaum interessant sind. Alles, was jenseits von öffentlicher Kommunikation liegt – damit müssen wir uns nicht unbedingt befassen. Mit allem, was mit Medienpädagogik zu tun hat, auch nicht. Journalisten sind keine Pädagogen, sondern müssen voraussetzen, dass sie mündige Rezipienten vor sich haben, sonst könnten sie die Aufgabe, Öffentlichkeit herzustellen, nicht erfüllen.

Die Aufgabe von Journalisten ist also das Herstellen von Öffentlichkeit. Warum sprechen Sie sich gegen die Werturteilsfreiheit des Fachs aus?

Berufsbegleitende Fächer können nicht wertfrei sein, weil die Berufe, die sie begleiten, Aufgaben haben. Der Arztberuf ist an der ärztlichen Aufgabe des Heilens und Lebenerhaltens orientiert und insofern muss auch die Wissenschaft, die diesen Beruf auf rationale Füße stellt, an dieser Aufgabe orientiert sein. Beim Journalismus ist es die Aufgabe, Öffentlichkeit herzustellen, Kommunikationsbarrieren – georafische und soziale, die mit der Modernisierung entstanden sind – mit Informationen zu überwinden, möglichst ungehinderte gesellschaftliche Kommunikation zu ermöglichen. Und als Wissenschaftler in diesem Fach haben wir den Beruf bei seiner Aufgabe zu unterstützen.

Welches Image hat es Ihrer Meinung nach in der Gesellschaft?

Das Fach Kommunikationswissenschaft oder die Journalistik?

Wäre schön, wenn Sie die Frage für beide Fächer beantworten… Ihre Frage an sich ist ja schon interessant und lässt darauf schließen, dass die KW und die Journalistik ein unterschiedliches Image haben.

Ich habe 2001 ein Forschungsfreisemester in den USA verbracht und bin seitdem in recht engem Kontakt mit amerikanischen Kollegen, besonders dem früheren Direktor der School of Journalism an der University of Iowa, unserer Partneruniversität. Mittlerweile ist Ken Starck allerdings Dekan der Journalistik-Fakultät der Zahed-University in den Vereinigten Arabischen Emiraten. In Amerika habe ich gelernt, dass beide Fächer dort ein völlig anderes Ansehen haben als in Deutschland. Journalistik gilt in Amerika viel – das Fach ist dort auch viel größer. Mindestens ein Drittel der amerikanischen Journalisten hat Journalistik studiert – nicht irgendein Fach, sondern tatsächlich das zur Ausbildung für den Journalismus gedachte Fach. Es gibt über hundert akkreditierte Journalistikfakultäten mit ähnlichen Studiengängen wie demjenigen, den wir in Dortmund haben. Sie müssen in Amerika niemandem erklären, was Journalistik ist – das fand ich sehr angenehm. Wenn Leute wussten, dass ich Gastwissenschaftler war an einer Universität, dann kam natürlich die Frage: „Und für welches Fach?“ Wenn ich dann sagte: „journalism“, dann leuchteten die Augen, und viele wussten sofort Bescheid, hatten vielleicht einen Verwandten, der das auch studiert. Der Journalistenberuf hat einfach in der amerikanischen Gesellschaft ein besseres Standing. Man weiß dort, dass unabhängiger Journalismus für die Gesellschaft und den Einzelnen enorm wichtig ist. Das hängt sicher mit dem First Amendment und der langen Tradition der Pressefreiheit zusammen. Deshalb zählt auch die Journalistenausbildung an Universitäten dort sehr viel. Sie merken schon, warum es mir in Amerika so gut gefallen hat, und dass ich das hier in Deutschland anders empfinde. Hier muss man eben erklären, was Journalistik ist und soll, und das ist manchmal recht mühsam. Hier wird ja Journalismus immer noch von vielen als Begabungsberuf verstanden – auch von vielen Chefredakteuren und Verlegern. Niemand hat etwas gegen Begabung, ich bin der allerletzte, der glaubte, dass zum Journalistenberuf nicht auch Begabung gehört. Ich möchte mich ja auch nicht in die Hand eines Arztes begeben, der für diesen Beruf nicht begabt ist. Aber Begabung ist nicht alles! Man kann leicht sehen, dass zum Journalistenberuf zum Beispiel auch eine ganze Menge Wissen gehört, wenn man ihn verantwortungsvoll ausüben will. Das ist jetzt wieder der Blick auf den Sachwissenanteil. Es gibt sicherlich auch noch andere Gründe, warum eine wissenschaftliche Grundlage für diesen Beruf notwendig ist – Wissenschaft ist ja vor allem da für Innovationen durch Forschung. Aber zurück zu Ihrer Frage: Ich glaube, dass der Journalismus und mit ihm das Fach, das ihn unterstützen soll, in Deutschland ein weniger gutes Image hat.

Und weil Sie vorhin…

… ja, und jetzt kommt die KW – die soll nicht vergessen werden! (lacht) Die Communication Departments sind an den amerikanischen Universitäten häufig die schwächeren und kleineren Institutionen. Das liegt daran, dass „communication studies“ in Amerika aus der Tradition der Speech-Ausbildung kommen – also Rhetorik, wo Politiker und andere lernen, wie sie am wirkungsvollsten reden können. Eine Ausbildung für persuasive Kommunikation, wenn Sie so wollen. Insofern ist die KW in Amerika immer ein bisschen unter Legitimationsdruck – mehr als die Journalistik. In Deutschland ist es umgekehrt. Hier ist, glaube ich, die KW das angesehenere Fach – auch aufgrund der praxisfernen Tradition der europäischen und besonders der deutschen Hochschulen, Stichwort Elfenbeinturm. Journalistik mit ihrer Orientierung auf Berufspraxis dagegen muss man hier erklären. Ich will auch nicht verschweigen, dass es hier und da in der Journalistik eine Neigung zum Praktizismus gibt, wo es dann nicht mehr unbedingt plausibel ist, warum das eine Wissenschaft sein soll, die in die Universität gehört. Da habe ich durchaus auch Kritik an meinem Fach. Übrigens ist die Neigung zum Praktizismus hier in Deutschland, glaube ich, ausgeprägter als in den Vereinigten Staaten. Wir haben einfach noch nicht diese starke Tradition der wissenschaftlichen Journalistenausbildung und der Forschung für die Berufspraxis. Die meisten Institute in den USA sind in den 20er Jahren entstanden. Die ersten Ideen dafür in Deutschland stammen auch schon aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Karl Bücher, der 1916 das Institut für Zeitungskunde in Leipzig gegründet hat, mit Unterstützung von Verlegerseite, hat sich damals durchaus auch schon eine praxisorientierte Journalistenausbildung vorgestellt, weil er sich über den Propaganda-Journalismus im Ersten Weltkrieg geärgert hatte und dem entgegenwirken wollte. Aber das Institut ist dann doch bald in die praxisferne Tradition einer Medien- und Kommunikationsanalyse gerutscht, die um ihrer selbst willen gemacht wird.

Jetzt haben Sie das Image der beiden Fächer in der Gesellschaft beschrieben. Kann man denn dieses Image auch 1:1 auf das Image in der Universität übertragen?

Nein, in der Universität haben beide Fächer, glaube ich, das Problem, dass viele Kollegen aus älteren, etablierteren Disziplinen – auch manche Universitätsleitungen – mindestens unbewusst uns gern instrumentalisieren als Kommunikationspraktiker, die ihre eigene Imagebildung unterstützen sollen, also als Stelle, wo die Öffentlichkeitsarbeit für die Universität gemacht wird. (lacht) Und besonders aus Fächern, die selbst noch vor einiger Zeit nicht so enorm etabliert waren, zum Beispiel aus der Soziologie, schaut man gelegentlich auch auf uns herab, um sich des eigenen Status zu versichern. Das kann anstrengend sein, solchen Kollegen zu erklären, dass wir nicht weniger Wissenschaft sind als die Naturwissenschaften oder die traditionellen Geistes- und Sozialwissenschaften. Vielleicht sollte man solche Bemühungen lieber lassen und auf die Zeit vertrauen. Ich will jetzt nicht in Details gehen… (lacht) Aber in dieser Richtung könnte ich aus Gesprächen mit Vertretern sehr ehrwürdiger Disziplinen und auch aus meiner eigenen Universität ein paar Geschichten erzählen.

Sie haben vor fünf Minuten den Praktizismus in der Journalistik angesprochen. Es war ja vor 40 Jahren so, dass es zwingende Voraussetzung für eine Professur war, journalistisch gearbeitet zu haben. Inzwischen dominieren akademische Karrieren ohne längere Zwischenstationen in Medienbetrieben. Braucht ein Professor für KW Ihrer Meinung nach heute keine Praxiserfahrung mehr?

Auf jeden Fall braucht er die für Journalistik. Es muss nicht so sein, dass er über eine längere Zeit als Redakteur angestellt war – was zum Beispiel bei mir der Fall gewesen ist. Das nicht. Aber ich glaube, jemand, der für einen bestimmten Beruf ausbildet, muss diesen Beruf kennen. Ich gehe sogar noch weiter: Er muss ihn auch mögen! Man kann nicht für einen Beruf ausbilden, den man nicht mag – kennen muss ja noch nicht unbedingt mögen heißen. Fatal wäre es, wenn ausgerechnet diejenigen, die den Beruf in der Praxis kennen und ihn nicht mögen, deshalb Journalismus-Wissenschaftler würden! Um die Aufgabe des Berufs zu begreifen, muss man ihn mögen, und man muss ihn mögen, um seine Aufgabe zu begreifen. Für die Journalistik sollte man dehalb eine Praxisphase hinter sich haben – wie die nun aussieht, das kann unterschiedlich sein. Aber sie sollte dazugehören. Wie bei den Ärzten. Ich sehe oft diese Parallele… Ein Medizinprofessor, ein Chirurgie-Wissenschaftler sollte auch mal operiert haben. (lacht) Für die Kommunikationswissenschaft ist das nicht unbedingt nötig, weil die ja nicht berufsbezogen sein muss. Und journalistische Erfahrung sowieso nicht, weil Kommunikationswissenschaft ja im Prinzip auch für Öffentlichkeitsarbeit, Werbung und viele andere Berufsfelder nützlich sein kann. Ein gewisses Problem sehe ich allerdings darin, dass heute nach meiner Beobachtung viele Kommunikationswissenschaftler in Deutschland den Journalistenberuf nicht so sehr mögen, wegen seiner vermeintlichen Oberflächlichkeit. Das halte ich für kontraproduktiv, auch für das Image der Kommunikationswissenschaft – und leider auch der Journalistik – in der Medienpraxis, das dringend verbessert werden müsste.

Jetzt haben Sie mir mit „man muss seinen Beruf mögen“ ein wunderbares Stichwort gegeben. Herr Brosius hat im Interview berichtet, dass es keinen „Arbeitsalltag“ im Leben eines Professors gibt und dass dies gerade das Schöne an dem Beruf sei. Man könne natürlich trotzdem von Mustern sprechen. Jetzt interessiert mich, wie bei Ihnen ein typischer Arbeitstag aussieht.

Herr Brosius hat recht, einen typischen Arbeitstag gibt es nicht, weil die Arbeitstage zum Beispiel im Semester und in der vorlesungsfreien Zeit recht unterschiedlich aussehen. Wir können aber mal die Komponenten aufzählen, die zum Arbeitsalltag eines Hochschullehrers gehören.

Ja, gerne!

Einen relativ großen Umfang hat bei mir die Beschäftigung mit Studienarbeiten, Diplomarbeiten, Doktorarbeiten und allem anderen, was man so zu begutachten hat. Ich denke, wenn man das verantwortungsbewusst machen will, dann sollte man diese Arbeiten auch gründlich kennen; wenn man mit gutem Gewissen Noten geben will, mit denen man ja auch Berufsverläufe steuert. Ich mache das ausschließlich selbst, lasse auch keine Vorgutachten machen. Im Übrigen finde ich, das ist auch etwas, das uns Hochschullehrer weiterqualifiziert. Wir haben ja nicht immer die Zeit, außer in den eigenen Forschungsgebieten viel Originalliteratur zu lesen, und für mich ist das Gutachten insofern auch ein Stück Weiterbildung. So dass ich eigentlich gern Arbeiten lese – von Hausarbeiten bis zu Habilschriften. Und natürlich auch die damit verbundene Lehre – Absolventenkolloquien, Beratung innerhalb und außerhalb von Sprechstunden und so weiter. Die Vorbereitung von Lehre, das hat auch einen beträchtlichen Raum, wobei das im Laufe der Jahre etwas abgenommen hat – das routiniert sich. Dazu muss ich allerdings auch selbstkritisch sagen: Es ist ganz nützlich, wenn man gelegentlich durch kritische Studenten darauf hingewiesen wird, wenn es sich routiniert hat, so dass man von außen einen Anreiz bekommt, sich mal wieder frisch an irgendwas heranzuwagen. Dazu ist es übrigens auch gut, dass man alle vier bis fünf Jahre ein Forschungssemester hat. Auch um Dinge fertig zu machen, die man mal angefangen hat. Aber ich finde es fast noch wichtiger, den Kopf von Zeit zu Zeit frei zu bekommen und was Neues anzufangen. Sonst rutschen wir in eine dogmatische Funktionärs-Wissenschaft hinein, in der Autoritäten kanonische Wissensbestände hüten. Ich empfinde es fast als Verpflichtung, das Recht auf Forschungssemester auch wahrzunehmen und sie dann möglichst nicht dort zu verbringen, wo man ohnehin seinen Alltag hat, sondern woanders hinzugehen. Sie haben mich jetzt gerade am Ende eines Forschungssemesters erwischt. Vor fünf Jahren bin ich nach Iowa gegangen, davon habe ich schon erzählt. Jetzt bin ich in Wien gewesen, habe Liegengebliebenes beendet, aber auch Neues angefangen. Wenn man dort bleibt, wo man ohnehin ist, dann bleibt man doch am Alltag kleben, und diese Funktion, dass man den Kopf frei kriegt, die hat es dann nicht. Das ist mir in diesem Semester übrigens ziemlich schwer gefallen, weil ich oft nach Dortmund musste. Leider gibt es billige Direktflüge und auch einen halbwegs bequemen Nachtzug. Wenn ich nach Amerika gegangen wäre, dann wäre das nicht so möglich gewesen! (lacht) Dann wäre die Versuchung oder Verpflichtung erst gar nicht da gewesen, andere und auch ich selbst wären gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich in Dortmund anwesend sein muss… Dehalb habe ich mir vorgenommen, dass ich – wenn ich überhaupt noch mal ein Forschungssemester haben sollte, das hängt von einer möglichen Verlängerung der Lebensarbeitszeit ab – dass ich das nächste Mal dann doch wieder eine Interkontinentalreise machen werde! (lacht) So, aber jetzt habe ich etwas angesprochen, das auch zum Alltag gehört: die Selbstverwaltung, alles, was mit dem zu tun hat, was Universitäten in ihrem Inneren tun, wenn nicht geforscht und gelehrt wird. Das ist etwas, das allmählich Überhand nimmt. Wegen des Bologna-Prozesses und wegen der Finanzknappheit der öffentlichen Hand. Hochschulen müssen Stellen abbauen, und wir hatten noch nie so viel Autonomie wie ausgerechnet bei diesen Fragen. In Universitäten, die man selber entscheiden lässt, welche Glieder sie sich amputieren wollen, da fängt natürlich ein allgemeiner Kannibalismus an – zwischen Lehrstühlen, zwischen Fächern, zwischen Fakultäten. Das erlebe ich im Moment sehr leidvoll. Ich sage Ihnen, was mich im Moment wirklich bedrückt: Das Rektorat meiner Universität hat in der vergangenen Woche nach einem zweijährigen kontroversen Diskussionsprozess mit meiner Fakultät, deren Dekanat ich angehöre, beschlossen, das Fach Geschichte abzuschaffen! In einer Universität, die einen Schwerpunkt Lehrerausbildung für sich beansprucht. Auch noch mit der Begründung, dass man die Sozialwissenschaften sonst nicht ausbauen könne. Man schafft also das Fach Geschichte ab, um die Sozialwissenschaften zu stärken – das tut mir ganz weh, auch wenn ich aus der Soziologie komme. Weil ich finde, dass die Fächer zusammengehören, die darf man nicht in Konkurrenz zueinander bringen. Geschichte ohne Sozialwissenschaft ist verstaubt und Sozialwissenschaft ohne Geschichte ist flach. Ich war an dem besagten Diskussionsprozess ziemlich intensiv beteiligt, habe unter anderem mitgewirkt an der Kooperationsvereinbarung mit einer Nachbaruniversität im Bereich Geschichte, die von den Fakultäten schon verabschiedet war. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht und ein öffentlicher Diskurs darüber entsteht, was kaum zu hoffen ist, und dann vielleicht noch mal zurückgerudert wird… Ich leide darunter, einer Hochschule anzugehören, die bei vollem Bewusstsein das Fach Geschichte abschafft, das Wort Universität mag man gar nicht mehr in den Mund nehmen. Wenn man das ausländischen Kollegen erzählt, ob nun Norwegern, Slowenen, Amerikanern, Russen oder auch Schweizern, schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen und fragen, warum das ausgerechnet in Deutschland passieren muss. Der Beschluss unseres Rektorats tut übrigens auch meinem Vorgänger Kurt Koszyk weh, wie Sie sich denken können, er ist ja nach wie vor der deutsche Pressehistoriker. Ich habe vor ein paar Tagen mit ihm telefoniert und werde ihn hier in München auch noch treffen.

Sie sagten gerade, dass die Verwaltungstätigkeit in den letzten Jahren zugenommen hat. Können Sie prozentual – ganz grob – veranschlagen, wie das Verhältnis Forschung/Lehre/Verwaltung bei Ihnen ist?

Wenn Sie zur Lehre das Begutachten von Abschlussarbeiten zählen… Ich denke, das gehört dazu, das ist Lehre im Endstadium. Und wenn Sie auch noch gelegentliche journalistische Arbeiten mitrechnen, leider zu wenige, damit der Bezug zur Praxis nicht völlig verloren geht und ich bei Übungen nichts verlange, was ich selbst nicht könnte, zum Beispiel eine Reportage schreiben… Dann würde ich sagen, wenn man mal von Forschungssemestern absieht: 40 Prozent Lehre und die beiden anderen Dinge jeweils 30 Prozent. Wobei ich finde, dass es mehr Forschung und weniger Verwaltung sein sollte. Wenn es nach dem geht, was den Kopf okkupiert, womit man innerlich beschäftigt ist, eigentlich sollte das ja überwiegend die Forschung sein, aber da spielen die administrativen Probleme, wie ich finde, eine viel zu große Rolle. Die haben ja auch immer mit Konflikten zwischen Menschen, zwischen Fächern und so weiter zu tun. Die Hochschulpolitik wäre gut beraten, uns nicht permanent mit neuen Erwartungen und Forderungen zu bombardieren, sondern uns wirklich mal unser Geschäft, nämlich Lehre und Forschung, machen zu lassen. Es wird ja in den letzten Jahren wahnsinnig viel geredet und verlangt – Forschungsbänder, neue Kooperationen, Exzellenzinitiativen und so weiter. Aber wenn man weiß, wie Wissenschaft zustande kommt und wie Wissenschaftler arbeiten, dann weiß man auch, dass das sehr langfristige Prozesse über Jahre und Jahrzehnte sind. Man kann nicht einfach durch einen Beschluss – wo auch immer er gefasst wird, in einem Ministerium oder einem Rektorat – Kooperationen verordnen. Das dauert ein Wissenschaftlerleben lang, bis sich so etwas herausbildet. Ich fürchte, dass zur Zeit durch zu viel Wissenschaftspolitik, durch zu viel gut gemeintes Konzipieren und Administrieren die gewachsene Substanz des Wissenschaftssystems kaputtgemacht wird. Und diejenigen, die uns das bescheren, sind dann die ersten, die über mangelnde Leistungen von Hochschulen klagen.

Sie haben jetzt von drei Tätigkeiten gesprochen. Max Weber hat in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ von 1919 vom Doppelgesicht der Wissenschaft gesprochen und gesagt, ein Wissenschaftler müsse nicht nur Gelehrter, sondern auch Lehrer sein. Zwei Dinge, die eigentlich gar nicht zusammen passen würden. Was halten Sie von dieser Aussage?

Ein Professor sollte nicht zuletzt ein verantwortungsbewusster Lehrer sein. Aber das heißt nicht, dass er alles macht, was die Studierenden wollen. Ich möchte, dass meine Studenten etwas lernen. Und dazu muss ich in gewissem Maße natürlich auch wissen, was sie interessiert. Aber es handelt sich um Lehre und nicht um Journalismus oder öffentliche Kommunikation. Bei öffentlicher Kommunikation gilt der bekannte Spruch: „Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler!“ – das ist schon richtig. Aber Lehre in einer Hochschule ist doch etwas anderes. Das hat etwas mit Pädagogik zu tun, das heißt, man muss im Unterschied zum Journalisten voraussetzen, dass diejenigen, die man lehrt, ihre Fähigkeiten noch nicht voll entwickelt haben, gewissermaßen noch nicht ganz mündig sind – sonst wäre ja die Aufgabe überflüssig, die man als Lehrer hat… Also, ich muss mir überlegen, was ich denen eigentlich beibringen will – was sollen sie denn lernen? Oder besser gesagt: Was sollen sie sich aneignen? Man darf ihnen nicht alles vorkauen. Wichtig in der Universität ist, dass die Ausbildung als ein Prozess des aktiven Aneignens geschieht, und deshalb sollten Studierende auch partizipieren an Entscheidungen für die Lehre – sowohl, was die äußeren Bedingungen angeht, als auch, was Themen, Gegenstände, Stoffe angeht. Aber man hat als Lehrer auch eine Verantwortung, die man nicht an die Studierenden abgeben kann. Man muss sich überlegen, was man selbst eigentlich will. Ich habe nun auch Lehrgebiete, das hat sich so herauskristallisiert, Methoden der empirischen Sozialrecherche, Berufsethik und Geschichte des Journalismus, die in den Curricula der Journalistik nicht ganz im Vordergrund stehen. Aber ich halte sie für wichtig – auch wenn sie heute, wo alles nach Praxis schreit, manchmal unbeliebt sind. Das ist heute ganz anders als zu der Zeit, als ich studiert habe. Gerade Berufsgeschichte ist kein besonders beliebter Anteil in der Journalistenausbildung! (lacht) Dabei ist sie für die Entwicklung eines professionellen Selbstverständnisses mindestens so wichtig wie Journalismustheorie. Und es darf auch mal eine trockene Vorlesung sein, mit trockenen Themen müssen Journalisten im Berufsalltag auch umgehen. Da muss man manchmal gegen Widerstände kämpfen – aber das gehört eben auch zur Tätigkeit eines Lehrers.

Jetzt ist die Lehrtätigkeit eine Sache. Was ist Ihnen denn wichtiger – wenn man das mal so überspitzt formuliert – eine volle Lehrveranstaltung, ein Drittmittelprojekt oder ein Aufsatz in einer Fachzeitschrift?

Schön ist, wenn man das alles nebeneinander und miteinander hat! (lacht) Maßgeblich ist immer noch die Idee der Integration von Forschung und Lehre. Ich habe zur Zeit ein Drittmittelprojekt, ein relativ großes, langfristiges, von der DFG gefördertes: „Mediale Integration ethnischer Minderheiten“, kulturübergreifend mit Blick auf Nordamerika. Das leite ich gemeinsam mit meinem Siegener Soziologie-Kollegen Rainer Geißler. Und aus diesem Projekt entstehen Lehrveranstaltungen, auch der Mitarbeiter Daniel Müller, Cornelia Mohr und Sonja Weber-Menges. Und es entstehen daraus Publikationen, gerade ist der zweite Sammelband erschienen. Das eine ergibt sich aus dem anderen. In diesem Fall ist der Anfang so gewesen, dass es uns gelungen ist, dieses Projekt in einem Forschungskolleg der DFG unterzubringen. Wenn ich ein DFG-Projekt mit einer anderen Thematik bekommen hätte, dann hätte sich mein Arbeitsschwerpunkt wahrscheinlich anders entwickelt und ich hätte zu anderen Themen publiziert und gelehrt. Es kann natürlich auch umgekehrt sein, dass zuerst lange Forschungsinteressen oder Lehrveranstaltungen da sind und sich daraus Drittmittelprojekte ergeben. Also, die drei Bereiche stehen in der Arbeitspraxis nicht in Konkurrenz zueinander, sondern hängen eng miteinander zusammen.

Für wen schreiben Sie denn?

Sie meinen…

… für Kollegen, Studenten, Praktiker?

Wenn Sie das wissenschaftliche Schreiben meinen, zuerst für mich selbst. Auch wenn sich das für jemanden aus unserem Fach merkwürdig anhört, der es gewohnt sein sollte, zuerst an Zielgruppen zu denken. Aber Wissenschaft ist nicht in erster Linie Kommunikation, sondern Erkenntnis. Und in den Human- und Kulturwissenschaften bildet sich Erkenntnis zum großen Teil erst durch das Formulieren, das ja zur Klärung der Gedanken zwingt. Das ist anders als in der Mathematik oder in den Naturwissenschaften. Ich habe meistens erst am Ende, wenn ein Text fertig ist, die Sicherheit, die Antwort auf die gestellte Frage zu kennen, über den behandelten Gegenstand Bescheid zu wissen. Dabei spielen durchaus auch ästhetische Qualitätsvorstellungen eine Rolle, die Ausgewogenheit der Gliederung, die Flüssigkeit des Stils, der treffende Ausdruck. Mein Genre ist der Aufsatz. Die dicken Werke sind nicht so mein Fall… (lacht). Ich habe eine Dissertation und eine Habilschrift verfasst, aber ansonsten keine großen Bücher. Es kommt vor, dass ich Aufsätze sammle zu einem Buch, auch eigene, und das ist dann wie eine Monographie. Aber irgendwie liegen mir die etwas kleineren Formate besser. Wobei die Aufsätze, die ich schreibe, dann eher größeren Umfang haben. Also innerhalb des Kleineren das Größere… (lacht) Na ja, außer für sich selbst schreibt man ja für einen Publikationsort. Man überlegt, für welche Zeitschrift oder für welches Buch es sein soll. Meistens ist es ja auch so, dass man schreibt, weil man darum gebeten worden ist – für einen Sammelband, eine Festschrift oder so etwas. Ohne solche äußeren Zwänge würde sicher viel weniger Wissenschaft produziert werden! (lacht) Das ist wie im Journalismus: Ohne Deadline passiert nicht viel. Wobei man sagen muss: Hochschullehrer haben eine relativ umfangreiche Arbeitswoche – das kann man, glaube ich, gar nicht in Stunden ausdrücken. Es gibt auch das Image des faulen Professors, aber ich glaube, dass das auf 99 Prozent der Kollegen nicht zutrifft. Ganz seltene Ausnahmen würden mir vielleicht noch einfallen, ich will natürlich keine Namen nennen. Aber in der Regel, wie gesagt, zu 98 oder 99 Prozent haben wir exorbitante Arbeitszeiten – ähnlich wie Politiker oder andere Berufe, in denen man nicht um 16 Uhr den Griffel aus der Hand legt… Jetzt habe ich den Faden verloren… (lacht)

Für wen Sie schreiben.

Ach so, ja! (lacht) Wenn man für Fachzeitschriften wie die Publizistik schreibt oder die Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik – die ist für mich auch ein wichtiger Publikationsort, biographisch und weil ich die Konfrontation von Kommunikations- und Medienwissenschaft unproduktiv finde – , das macht man dann ohne Auftrag und ohne den üblichen Zeitdruck, was zur Qualität beiträgt. Oft entstehen solche Aufsätze allerdings auch im Zusammenhang mit Vorträgen. Das tue ich eigentlich am liebsten: Aufsätze schreiben, bei denen ich mir das Thema selbst gewählt habe, ohne äußere Verpflichtung für eine Fachzeitschrift wie eine der beiden genannten. Gelegentlich schreibe ich auch für englischsprachige Zeitschriften. Zielgruppe ist also letztlich die Leserschaft dieser Zeitschriften. In der Regel Wissenschaftler, aber auch Studierende, für die das dann unter Umständen Lernstoff werden kann. (kurze Pause) Das hofft man wohl, dass die Produkte, von deren Originalität man selbst überzeugt ist, dass sie irgendwann das Fach voranbringen und in der Pyramide des Wissens mal zum Lernstoff werden. In einigen Fällen war das der Fall. Nicht unbedingt hier in Deutschland – was ich so fabriziere hat nach meiner Erfahrung im angelsächsischen Raum größere Chancen, zum Lernstoff zu werden.

Wir sind jetzt bei Ihrer publizistischen Seite. Wie ist es denn dazu gekommen, dass Sie Redakteur des Rezensionsteils der Publizistik geworden sind? Und welchen Stellenwert messen Sie dieser Tätigkeit bei?

Ich bin seit langem Abonnent, Rezensent und Autor der Publizistik. Die Zeitschrift ist mir in drei Jahrzehnten ans Herz gewachsen, in ihr spiegelt sich ja auch die Entwicklung von Kommunikationswissenschaft und Journalistik. Die Publizistik hat die Gründung der ersten Journalistik-Studiengänge in Dortmund und München begleitet wie kein anderes Blatt. In einem dicken Themenheft von Mitte der 70er Jahre kann man die Diskussion um die wissenschaftliche Journalistenausbildung in Deutschland nachlesen. Dass mir das Schicksal der Zeitschrift nicht gleichgültig ist, liegt auch daran, dass ich zwischen 1985 und 1996 selbst verantwortlicher Redakteur einer Fachzeitschrift war, medium, die im Auftrag der evangelischen Kirche zwischen Wissenschaft und Berufspraxis vermitteln sollte. Meine Anhänglichkeit an die Publizistik mögen Sie auch daran erkennen, dass ich gemeinsam mit Arnulf Kutsch das von Ihnen erwähnte erste Sonderheft Kommunikationswissenschaft – autobiographisch herausgegeben habe. Gegen Ende der 90er Jahre war es nun so, dass ich mich über den Rezensionsteil der Zeitschrift geärgert habe, und zwar in allen drei Rollen, als Leser, als Rezensierter und vor allem als Rezensent. Ich bin an sich ein langsamer Mensch, aber selbst mir dauerte dort alles zu lange, man bekam keine Antwort, die Pannen häuften sich, mal wäre fast eine Rezension von mir doppelt erschienen. Ärger kann ja produktiv sein, wenn man es nicht dabei belässt und nach den Gründen fragt. Das habe ich getan und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die Tätigkeit des Rezensionen-Redakteurs eine sehr aufwändige Angelegenheit ist, für die ein klares Konzept und eine angemessene Bezahlung erforderlich sind. Ich komme aus Hamburg, nicht nur im 18. Jahrhundert und auch heute wieder die Pressestadt Deutschlands, sondern – das hängt ja zusammen – auch eine Stadt der Kaufleute, meine Großväter waren beide selbstständig. Kaufmännische Kriterien finde ich sehr wichtig, jedenfalls sind sie klarer und angenehmer als ideologische Kriterien, gerade wenn es um das Besorgen von Drittmitteln geht. So, und dann habe ich ein Konzept für den Rezensionsteil aufgeschrieben und bin damit auf die Suche nach einem Sponsor gegangen. Und den habe ich gefunden, es war die Stiftung Pressehaus NRZ mit ihrem Kuratoriumsvorsitzenden Heinrich Meyer, wo schon eine Zusammenarbeit bei einem anderen Projekt, der „Stilistik für Journalisten“, bestanden hatte. Damit konnte ich dann die Herausgeber der Publizistik überzeugen, zumal der damalige Redakteur des Rezensionsteils die Aufgabe wohl ganz gern abgeben wollte. Seit 2001 bin ich nun dafür verantwortlich, gemeinsam mit einem Mitarbeiter, der den größten Teil der täglichen Arbeit macht und der aus den Drittmitteln der NRZ-Stiftung bezahlt wird. Am Anfang Daniel Müller, jetzt Tobias Eberwein, der unsere Arbeit auch empirisch evaluiert hat. Dabei ist herausgekommen, dass wir tätsächlich aktueller und vielfältiger geworden sind, auch wenn immer noch manches verbesserungsfähig ist. Die Zusammenarbeit zwischen einem jüngeren Redakteur und einem älteren mit Personenkenntnis im Fach hat sich jedenfalls als nützlich erwiesen. Neben Beratung bei der Auswahl von Rezensenten mache ich eigentlich das, was sonst ein Herausgeber tut, nämlich das Konzept entwickeln und mich um die wirtschaftliche Grundlage kümmern. Wobei ich persönlich hier nichts verdiene. Außerdem gibt es natürlich die vier Herausgeber der Zeitschrift, bei denen die Oberhoheit auch für den Rezensionsteil liegt. Herausgeber, Verlag und Redaktion arbeiten pragmatisch zusammen, was mir sehr entgegenkommt.

Sie haben vorhin Ihre Habilitationsschrift angesprochen. Im Vorwort schreiben Sie, ich zitiere: „Anders als dem Künstler hat Goethe dem Wissenschaftler empfohlen, vor und während der Realisierung seiner Ideen möglichst viele Gespräche darüber zu führen. Ich bin diesem Rat selten gefolgt“. Bereuen Sie das? Wieso haben Sie das geschrieben?

Nein, das bereue ich überhaupt nicht, weil es anders kaum möglich gewesen wäre. Meine Habilschrift ist ja in einer Phase entstanden, in der ich als Journalist gearbeitet habe. Ich war Redakteur einer vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik herausgegebenen Zeitschrift. Ich wurde nach Journalisten-Tarif bezahlt und hatte auch ein Selbstverständnis als Journalist. Außerdem habe ich zeitweilig noch gep info redigiert und verantwortet, das Organ für die Öffentlichkeitsarbeit des GEP. Meine Habilschrift habe ich in dieser Zeit nebenbei verfasst, in den Ferien und manchmal auch an Wochenenden, aber er waren im Wesentlichen die Ferien, da konnte ich mich über eine längere Zeit konzentrieren. Das war ein relativ langer Prozess, der überhaupt nur möglich war, weil ich schon mit einem genau ausgearbeiten Konzept für die Habilschrift in die journalistische Tätigkeit gegangen bin. Davor war ich an der Universität Siegen Assistent im Fach Soziologie und hatte mir das Habilprojekt vorgenommen. Als es dann plötzlich die Gelegenheit gab, die befristete Hochschultätigkeit zu verlassen und in den Journalismus zu gehen, in den Medienjournalismus mit einer gewissen Nähe zur Wissenschaft, fand ich das sehr attraktiv, mittlerweile hatte ich auch eine Familie zu versorgen. Ich wollte aber das Habilprojekt zu Ende zu führen, und das habe ich dann eben getan. In den Urlauben, in denen das geschah, kam nicht viel Austausch mit Kollegen in Frage. Meine Habilschrift hat im Übrigen auch nur am Rande mit Kommunikationswissenschaft zu tun, ist Grundlagenforschung, Sozialphilosophie, wenn Sie wollen, Anwendung der Weberschen Handlungstheorie auf den Modernisierungsprozess. Diese Arbeit hatte also auch nicht viel mit meiner journalistischen Tätigkeit zu tun. Und ich habe sie außerdem meiner Familie abgezwungen – die fuhren mit mir in Urlaub nach Frankreich, und ich saß dann jeden Tag ein paar Stunden an diesem Werk, na ja…. (lacht) Es war nicht ohne Konflikte – mit wem sollte ich darüber reden? Im Rückblick war es eine ziemlich einsame Arbeit, für die Alltagserfahrungen wichtiger waren als fachlicher Austausch. Dazu passte die Methode, Beispiele zu analysieren und zu deuten, die manche strukturanalytisch nennen. Ich war jedenfalls während meiner Zeit bei medium war nur lose mit wissenschaftlichen Institutionen in Kontakt. Ich hatte Lehraufträge für Soziologie in Freiburg im Breisgau und in Siegen, und ich habe mich für Soziologie habilitiert, mit Schwerpunkt Soziologie der Kommunikation und der öffentlichen Medien. Allerdings war ich seit Anfang der 80er Jahre Mitglied der DGS und auch der DGPuK, Klaus Merten hatte mich dort vorgeschlagen. Und ich bin auch zu den DGPuK-Tagungen und zu einigen Soziologentagen gefahren. Aber ich hatte eben doch nicht so viele wissenschaftliche Kontakte, weil mein Engagement hauptsächlich der journalistischen Tätigkeit galt. Viel anders hätte ich es gar nicht machen können. Ob ich das bereue? Also, dass ich das Habilprojekt zu Ende geführt habe, bereue ich überhaupt nicht! (lacht) Ich glaube, jedes nicht abgeschlossene Projekt ist irgendwie eine Niederlage, und dies war fast die einzige Art, damit zu Ende zu kommen. Ich bin sogar ein bisschen stolz darauf. Nicht nur auf das Buch selbst, das ja auf Empfehlung von Hans Albert in eine traditionsreiche sozialwissenschaftliche Reihe aufgenommen wurde. Auch auf die Art, wie es zustande gekommen ist.

Ihre Habilschrift ist Ihren Eltern gewidmet. Haben Ihre Eltern Sie denn bei Ihrer Universitätskarriere unterstützt?

In meiner Universitätslaufbahn haben sie mich nur indirekt unterstützt. Insofern, als sie mich relativ lange haben studieren lassen. Ich gehöre ja zu der 68er-Kohorte und habe nach einiger Zeit das Fach aufgegeben, das ich von zu Hause und aus der Schule am besten kannte, und habe mich anders orientiert. Meine Eltern waren beide Mathematiker, meine Mutter lebt noch hoch betagt in Hamburg. Ich war natürlich im Gymnasium auf dem naturwissenschaftlichen Zweig, deswegen habe ich leider nicht viel Fremdsprachen gelernt. Mein Schulenglisch – ich hatte glücklicherweise einen sehr strengen Lehrer in der Mittelstufe, dem ich heute dafür dankbar bin – hat allerdings nach 40 Jahren noch ausgereicht, um an einer amerikanischen Universität zu lehren, obwohl ich es lange nicht praktiziert hatte! (lacht) Aber ich habe zum Beispiel nicht Französisch in der Schule gelernt. Großes Latinum natürlich, das gehörte damals noch zum Standard. Aber sonst habe ich am Anfang eine ausgesprochen naturwissenschaftliche Sozialisation erfahren und zunächst auch Mathematik studiert. Dann sah ich aber die Berufstätigkeit meines Vaters, der bei einer Versicherungsgesellschaft war, während meine Mutter Mathematik, Physik und Geographie in der Schule unterrichtete. Mir gefiel die Berufstätigkeit meines Vaters nicht. Er machte damals noch vieles selbst, mit einer geräuschvollen Rechenmaschine oder einem Abakus, was heute Computer erledigen. Die viele Rechnerei, auch abends zu Hause, schreckte mich ab. Und auch, was ich von der Berufstätigkeit meiner Mutter sah, Stapel von Heften korrigieren, schien mir eintönig. Und dann kam ja die 68er-Phase, als Politik und Sozialkritik wichtiger wurden. Das war der andere Bereich, in dem ich in der Schule gut gewesen war: Geschichte, Deutsch, Gemeinschaftskunde, wie das Fach damals übrigens noch genannt wurde – die Epoche der Volksgemeinschaft lag in meiner Schulzeit ja noch nicht so lange zurück. Ich bin dann also schließlich in diesen anderen Bereich gegangen und habe Germanistik, Soziologie und Philosophie studiert, auch ein paar Veranstaltungen in Geschichte und Pressekunde besucht. Meine Eltern haben mich insofern unterstützt, als sie diesen Wechsel nicht negativ aufnahmen. Sie haben das alles mitgemacht, auch die 68er-Phase, an der ich durchaus aktiv beteiligt war, unter anderem in der Aktion Dritte Welt in Freiburg, wo ich der erste hauptamtliche Redakteur der Zeitschrift „blätter des iz3w“ wurde. Dass ich relativ lange studieren konnte, habe ich meinen Eltern zu verdanken, auch materiell. Ansonsten haben sie sich für das, was ich im Studium tat, nicht so wahnsinnig interessiert. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter meine Dissertation gelesen hat, als sie endlich fertig war, und mir mal ein paar anerkennende Worte dazu gesagt hat. Sie verstehe davon ja nicht viel, aber sie würde doch merken, dass in dem Text tiefe Gedanken steckten. Etwas in der Art. Ich habe die Habilschrift meinen Eltern gewidmet, weil sie mir eine große Freiheit zum Studieren und bei der Berufswahl gelassen haben. Da hatte ich nie große Auseinandersetzungen. In dieser Liberalität hat vielleicht auch Desinteresse gesteckt. (lacht) Und ich verdanke meinen Eltern natürlich erheblichen Einfluss auf meine Denkweise – übrigens auch meinem damals noch sehr jungen Mathematiklehrer Jürgen Dzewas, der hat uns schon Anfang der 60er Jahre mit Matrizenabzügen traktiert, aus denen später sein Schulbuch über Mengenlehre geworden ist. Wahrscheinlich kann man meiner Herangehensweise an die Gegenstände unseres Fachs noch anmerken, dass ich eine naturwissenschaftliche Sozialisation habe. Mich interessiert das ewige Einerseits-Andererseits wenig, ich möchte immer gern den Beweis für etwas antreten, oder, im Sinne Poppers korrekt gesagt: Ich möchte Thesen falsifizieren. Und wenn das nicht möglich ist, dann möchte ich wenigstens Hypothesen unterstützen. Jedenfalls kommt es mir darauf an, dass überhaupt klare Thesen erkennbar sind und wir am Ende konkrete Ergebnisse haben. Das ist wohl eine Erbschaft der naturwissenschaftlichen Sozialisation. Übrigens bedeutet das nicht, dass ich quantitative Methoden bevorzuge oder Naturwissenschaften und Kulturwissenschaften gleichsetze. Die KW gehört meines Erachtens zu den letzteren. Ich bin überzeugt, dass Kulturphänomene, beispielsweise die Standards des Journalistenberufs, sich nicht in mathematische Gesetzmäßigkeiten fassen lassen, weil sie von Menschen hervorgebracht werden und sich deshalb wandeln. Für Kulturphänomene ist Geschichtlichkeit charakteristisch, und natürlich, dass sie einen Sinn haben, der sich deuten lässt. Die Geschichte und nicht die Mathematik ist deshalb das konstitutive Fach der Kulturwissenschaften. Aber auch Erkenntnisse, die mit historischen und hermeneutischen Methoden gewonnen werden, sind natürlich nicht beliebig, sondern müssen den Anforderungen der Logik, der Richtigkeit und Plausibilität standhalten. Diese Überzeugung, ohne die ich wohl kaum Wissenschaftler geworden wäre, hängt sicher mit meinem Elternhaus zusammen. Allerdings kannte man dort auch die Grenzen der Rationalität. Religiosität spielte ebenfalls eine Rolle, auch wenn das für Außenstehende wahrscheinlich kaum erkennbar war – getreu der protestantischen Gewissheit, erwählt zu sein, aber es nicht zeigen zu dürfen. Diese Art von Bescheidenheit, die nicht ohne Überheblichkeit ist, gehörte auch zu dem Milieu, in dem ich aufgewachsen bin.

Gab es denn rückblickend etwas, was darauf hingedeutet hat, dass Sie eines Tages Universitätsprofessor werden?

Ich glaube, dass ich relativ früh diese Vorstellung hatte, obwohl ich dann lange gar nicht mehr daran gedacht habe. Aber in den ersten Studienjahren habe ich schon daran gedacht. Das hatte mit meinem Vater zu tun. Er war 1945 einigermaßen heil aus dem Krieg zurückgekommen und hat dann bei einem bedeutenden Mathematiker an der Universität Hamburg promoviert, der in der NS-Zeit, ich glaube zwischen 1933 und 1935, dort Rektor gewesen war. Sein Name ist Wilhelm Blaschke. Blaschke hat dann im Zuge der Entnazifizierung Schwierigkeiten bekommen. Dadurch ist mein Vater nicht Hochschullehrer geworden – das wäre, glaube ich, der Beruf gewesen, der ihm am meisten gelegen hätte. Er hat dann dreißig Jahre lang nebenberuflich einen vierstündigen Dauer-Lehrauftrag für Versicherungsmathematik an der Universität Hamburg wahrgenommen. Vielleicht habe ich ein bisschen die Idee gehabt, was meinem Vater nicht gelungen ist, ohne dass er etwas dafür konnte, das könnte mir gelingen. Mein Vater war ein ausgesprochen unpolitischer Mensch, hatte zwischen Musik und Mathematik geschwankt, hochempfindlich, mit reflexartigem körperlichem Abscheu gegen physische Gewalt. Er sprach oft über die sieben Jahre, in denen er Soldat sein musste, als wehrpflichtiger Rekrut und später in Frankreich und Russland, worunter er offenbar extrem gelitten hatte. In den 1968er Zeiten habe ich mich dafür interessiert, was sein Doktorvater geschrieben hatte, habe dessen Bücher gelesen, soweit sie bei uns im Schrank standen. Das war ein sehr gebildeter Mann, Kosmopolit, übrigens aus Wien, ohne die fachliche Engstirnigkeit, die man bei Mathematikern manchmal findet. Ich glaube, er war ein guter Rektor für seine Universität, mit einem weiten Blick für andere Fächer, auch wenn er zweifellos dem NS-Regime gedient hat durch die Bereitschaft, das Amt zu führen. Die Mathematik selbst kommt für ideologische Infektionen kaum in Frage, aber immerhin hätte er ja in Vorworten, Nachworten, Rektoratsreden mal… Ich habe diese Sachen gelesen und nach belastenden Stellen gesucht, aber ich habe nichts gefunden. Nichts, was irgendwie mit dem vergleichbar – auch nur entfernt vergleichbar – wäre, was man in damaligen Schriften von Haacke, Dovifat, Noelle-Neumann oder Ronneberger findet. Abgesehen von unserem Fach, das ich damals noch nicht kannte, habe ich in dem Vorgang, der ja auch meinen Vater betraf, eine gewisse Ungerechtigkeit gesehen, das waren eben die Zufälligkeiten der Zeit. Und auch wenn ich den Fall nicht wissenschaftlich erforscht habe – ich habe keine Akten studiert und weiß nicht einmal, ob ich die Veröffentlichungen Blaschkes alle kenne, irgendwann sollte ich das gewiss noch tun: Die Empfindung einer Ungerechtigkeit hat mich seitdem begleitet. Ich habe heute noch Bücher von Blaschke. Mittlerweile verschenke ich auch mal eins an Kollegen aus der Mathematik, weil ich selbst nicht mehr viel damit anfangen kann. Übrigens gibt es noch ein anderes biographisches Motiv für mein Interesse an der NS-Zeit. Ein Onkel meiner Mutter, Ernst Schneller, ist im Oktober 1944 im Konzentrationslager Sachsenhausen umgebracht worden ist. Als prominenter Kommunist war er bereits im Schauprozess nach dem Reichstagsbrand zu Zuchthaus verurteilt worden und ist die ganze Zeit Gefangener des Hitler-Regimes geblieben, war in der geheimen Lageropposition. Von Beruf war er Lehrer, seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg hatten ihn ganz nach links gebracht. Meine Großmutter, sonst eine sehr nüchterne Frau, erzählte begeistert von ihm, nicht von dem Politiker, sie wählte CDU und unter meinen Großonkeln hatte es die ganze Palette von Sozialdemokraten, Liberalen, Nazis und Kommunisten gegeben. Sondern von demjenigen unter den Brüdern und Vettern ihres Mannes, den sie besonders gemocht hatte. Jedenfalls wurde die Erinnerung an ihn in meiner Familie wachgehalten, was in Gegensatz stand zum öffentlichen Schweigen über den kommunistischen Widerstand in der Bundesrepublik. Und auch zur offiziellen Beweihräucherung in der DDR, wo es von Ernst-Schneller-Schulen und -Straßen nur so gewimmelt hat, wie mir in meiner Zeit in Leipzig nach der Wiedervereinigung bewusst wurde. Immerhin gibt es heute die Steinplatten vor dem Reichstagsgebäude, die an die unter der NS-Herrschaft ermordeten Abgeordneten erinnern sollen. Auf einer davon steht der Name Ernst Schneller. Aber mit solchen steinernen Ritualen ist es nicht getan. Deutschland wird sich wohl noch lange mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen müssen, weil die Erinnerung bis heute sehr pauschal und selektiv geblieben ist. Vor allem das Mitmachen, die Gleichgültigkeit und der Opportunismus einer Mehrheit der normalen Deutschen sind immer noch tabu. Nicht nur Historiker wie Götz Aly, alle Kulturwissenschaftler könnten ihren Beitrag dazu leisten, damit endlich zu brechen.

Sie haben gerade gesagt, dass Sie relativ früh wussten, dass Sie Professor werden wollen…

… Hmm, wussten? Ich hatte am Anfang des Studiums diese Idee…

Ja, Sie hatten diese Idee.

Na ja, ich weiß auch nicht, ob ich ohne diese Idee die Habilschrift zu Ende gebracht hätte – irgendein Motiv muss es dafür ja gegeben haben! (lacht) Es ist ja auch ein sehr schöner Beruf, mit dem Privileg, dass man sich in den Ergebnissen dessen, was man tut, wiedererkennen kann. Also relativ wenig entfremdete Arbeit.

Wo Sie sich doch auch im Urlaub immer zurückgezogen haben… Wie kam es dann eigentlich dazu, dass Sie Professor für Journalistik geworden sind? Haben Sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt bewusst gegen die Soziologie entschieden? Wie kam das genau?

Sowas hat ja auch äußere Gründe. Nach der Wiedervereinigung hat mich die evangelische Kirche nach Leipzig geschickt, wo sie sich am Neuaufbau des traditionsreichen Instituts beteiligen wollte, das Karl Bücher 1916 gegründet hat und in dem bis dahin die DDR ihre Journalisten ausbildete und ideologisch präparierte. Das war so vereinbart worden zwischen Hans-Wolfgang Heßler, dem Direktor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik, und Karl Friedrich Reimers, dem Gründungsdirektor des heutigen Leipziger Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft. Ich habe dort drei Jahre lang als Gastprofessor für journalistische Ethik gearbeitet, in der Abteilung für systematische und historische Kommunikationswissenschaft, und war auch an der Konzeption der heutigen Leipziger Journalistik-Studiengänge beteiligt, für die das Dortmunder Modell Pate stand, allerdings mit wesentlichen Modifikationen, was die Zweitfachfrage betrifft. Das hat mich dann natürlich mehr mit der Journalistik in Kontakt gebracht als mit der Soziologie. Ich denke überhaupt, dass die Soziologie nach meinen zehn Journalistenjahren nicht mehr so sehr in Frage kam. Und die Journalistik war das Fach, in dem ich am meisten von dem unterbringen konnte, was ich im Studium gelernt hatte. Ich wusste lange nicht, in welchem meiner beiden Hauptfächer ich promovieren wollte, Möglichkeiten gab es in beiden. Als ich mich Ende der 60er Jahre in Kiel für einen Doktorvater zu entscheiden hatte – die beiden, die in Frage kamen, wurden gleichzeitig wegberufen, sodass ich ohnehin die Uni wechseln musste – da habe ich lange geschwankt, es hätte auch Germanistik werden können, mit Karl Otto Conrady hatte ich im Oberseminar guten Kontakt. Dass es Soziologie geworden ist, hatte nicht zuletzt mit Örtlichkeiten und privaten Konstellationen zu tun, über die ich hier nicht sprechen möchte. Meine Dissertation hat erhebliche sprachwissenschaftliche Anteile. Ich konnte jedenfalls die sprach- und literaturwissenschaftlichen Kenntnisse, die ich mir im Studium angeeignet hatte, und das, was ich als Sozialwissenschaftler gelernt hatte, dazu noch meine Praxiserfahrungen im Journalismus – das konnte ich und kann ich alles in der Journalistik unterbringen, und das ist bis heute für mich das Attraktive an diesem Fach. Es gibt nichts aus meinem kurvenreichen Berufsleben, das überflüssig gewesen wäre! (lacht)

Jetzt haben Sie Ihren Weg als „kurvenreich“ beschrieben. Wenn Sie noch einmal 19 Jahre alt wären – würden Sie dann gerne Journalistik in Dortmund studieren?

(Überlegt lange) Wenn es damals einen Studiengang Journalistik gegeben hätte, dann hätte ich den vielleicht gewählt. Weil ich damals nicht nur die Idee hatte, Hochschullehrer zu werden, sondern durchaus auch an den Journalismus gedacht habe. Hochschullehrer ist ja kein Berufsziel, das man sich am Anfang vornehmen kann – man hat im Blick, dass das vielleicht auch dabei rauskommen könnte. Aber man muss auch Konkreteres ins Auge fassen, und da kam für mich Journalismus ganz zentral in Frage. Wenn ich allerdings mit dem Wissen und aus der Perspektive von heute die Entscheidung zu treffen hätte, dann würde ich Geschichte studieren. Das habe ich leider nie intensiv getan, abgesehen von ein paar Vorlesungen. An Fritz Fischer in Hamburg kann ich mich noch erinnern. Ich habe Geschichte leider nie seriös studiert, obwohl ich ja ein bisschen zum Journalismus-Historiker geworden bin – das habe ich übrigens auch mit Kurt Koszyk gemeinsam, der ebenfalls nicht Geschichte studiert hat, obwohl er das Standardwerk zur Pressegeschichte geschrieben hat. (lacht) Also, wenn der 19-Jährige gewusst hätte, was der 60-Jährige mittlerweile weiß! (lacht) – dann hätte ich Geschichte studiert. Nebenbei gesagt, der 19-Jährige hat es irgendwie schon geahnt. Als wir in der Oberprima nach unserem Berufswunsch gefragt wurden, habe ich das eigentlich nicht genau gewusst und spontan Historiker gesagt, und so stand es dann auch in der Abiturientenliste, die das Hamburger Abendblatt veröffentlicht hat. Das wird man noch feststellen können. Aber dann habe ich mich eben doch anders entschieden, fragen Sie mich nicht, warum ich Geschichte als Studienfach letztlich nicht ernst genommen habe. Vielleicht ein Beispiel, dass man mehr Vertrauen in spontane Eingebungen haben soll und weniger grübeln, auch bei Lebensentscheidungen wie der Berufswahl.

Was wären Sie heute, wenn Sie nicht Professor für Journalistik wären?

Dann wäre ich Journalist.

Hatten und haben Sie Vorbilder, die wegweisend für Ihre Karriere waren?

Ja, einen Soziologen, der 1933 Deutschland verlassen hat, Theodor Geiger. Sein Werk habe ich durch meinen Doktorvater Paul Trappe kennengelernt, der Geiger in den 60er Jahren wiederentdeckt und einige seiner Schriften herausgegeben hat. Geiger, Jahrgang 1891, aus bildungsbürgerlichem Milieu, hatte Rechtswissenschaft studiert, war Freiwilliger im Ersten Weltkrieg und ist wie mein Großonkel Ernst Schneller linksgewendet daraus zurückgekommen. Das war offenbar ein Muster, eine Handlungsweise, die mit der Kriegserfahrung zusammenhing. Typische Erfahrungen scheinen mir übrigens in der Theorie von Max Weber, aber auch von Geiger und Heinrich Popitz als Erklärungsfaktoren für Handlungsweisen zu wenig beachtet im Vergleich zu normativen Mechanismen wie Sitte und Recht, aber auch im Vergleich zu materiellen Interessenlagen. Nachdem Geiger wegen des Krieges kein zweites juristisches Staatsexamen mehr hatte machen können, hat er dann promoviert und sich am Anfang seiner wissenschaftlichen Tätigkeit vor allem mit Rechtssoziologie und Sozialstatistik befasst. Sein erstes Buch war der Unterprivilegierung nichtehelicher Kinder durch das deutsche Rechtssystem gewidmet. Am Anfang der Weimarer Republik hat er eine Reform vorgeschlagen, dass die unehelichen Kinder auch mit den Vätern verwandt sein sollten. Das ist erst 50 Jahre später in der Bundesrepublik Wirklichkeit geworden, ähnlich wie Geigers Forderung, die SPD solle sich den Mittelschichten öffnen, die sie sonst der NSDAP überlassen würde. Lesen Sie mal das Kapitel „Die Mittelstände im Zeichen des Nationalsozialismus“ in Geigers Schichtungsbuch von 1932. Er war dann zunächst an der Volkshochschule in Berlin und wurde Ende der 20er Jahre auf einen der ersten Lehrstühle für Soziologie in Deutschland berufen, an die Technische Hochschule Braunschweig. 1933 ist er emigriert. Bei ihm gibt es allerdings auch eine Phase, zwischen Februar und September 1933, in der er sich anpassen wollte. Er hat Vorträge über Eugenik gehalten, plante zusammen mit einem NS-Soziologen eine Buchreihe, hat anbiedernde Briefe geschrieben. Er war also wie viele andere bereit, erhebliche Zugeständnisse an das Regime zu machen. Aber er hat das Glück gehabt, wie man im Rückblick sagen muss, dass die Gestapo ihn wohl wegen seiner linken Affinitäten vor 1933 richtiger eingeschätzt hat als er sich selbst. Auf der Grundlage des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurde er seines Amtes enthoben und ist dann bereits im Oktober 1933 nach Skandinavien emigriert und auch nach 1945 nicht mehr nach Deutschland zurückgekommen. Als Person habe ich ihn nie kennengelernt, er ist bereits 1952 auf der Rückfahrt von einer Vortragsreise durch Nordamerika auf dem Schiff an Herzversagen gestorben. Ich habe mich nur auf der Braunschweiger Tagung zum seinem 100sten Geburtstag mal mit einer seiner Töchter unterhalten, die Richterin in Dänemark ist. Aber die Schriften dieses soziologischen Klassikers haben mir Eindruck gemacht, der übrigens auch über die gesellschaftliche Aufgabe und Stellung der Journalisten nachgedacht hat. Für die Festschrift zum 70sten von Paul Trappe habe ich einen Beitrag geschrieben: „Theodor Geigers journalistisches Ethos“. Ähnlich wie Max Weber, den man sich wegen seiner einsamen Größe aber schlecht zum Vorbild nehmen kann, war Geiger eher handlungstheoretisch orientiert und sehr breit in seinen Interessen: nicht nur Rechtssoziologe, auch Ideologiekritiker und empirischer Sozialforscher. Ende der 1940er Jahre hat er Medienuntersuchungen beim dänischen Radio gemacht, unter anderem zur Rezeption von klassischer Musik bei Arbeitern in Aarhus, wo er lebte. Und davor hat er sich mit dem modernen Phänomen der Werbung auseinandergesetzt, Anfang der 1940er Jahre ist sein Buch mit dem Titel „Kritik af Reklamen“ in dänischer Sprache erschienen, das Rainer Geißler und ich in den 80er Jahren ins Deutsche haben übersetzen lassen. Geigers Reklame-Buch sucht seinesgleichen an Gründlichkeit und Gedankenschärfe, auch wenn wir es nur auszugsweise publizieren konnten und bis heute keinen Verlag für die ganzen 500 Seiten gefunden haben. Geiger war einer der letzten Universalgelehrten in den Sozialwissenschaften. Das hat mit gefallen und auch sein beharrlich rationaler Zugang. Er hat sich mit den gleichen Themen beschäftigt wie die Frankfurter Schule, vor allem der Kulturindustrie und den Strukturen der sozialen Ungleichheit, aber er hat nie die empirische Seite aus den Augen verloren. Und er hat immer scharf seine Begriffe definiert. Bei allem gesellschaftskritischen Engagement hat er die rationalen Standards nicht aufgegeben und hat immer wissen wollen, wie es denn nun wirklich ist und nicht nur in der Gedankenwelt. Diese Kombination hat mir schon als Student imponiert und ich habe sowohl in meiner Dissertation als auch in meiner Habilschrift Geiger intensiv rezipiert. Und seine Ideen zum Journalistenberuf haben auch Spuren bei mir hinterlassen. Insofern gibt es schon ein Vorbild, aber nicht in dem Sinne, dass ich alles nachahmenswert fände, was Geiger getan hat. Es gibt auch Seiten bei ihm, die ich ablehne. Zum Beispiel hat er 80 Zigaretten am Tag geraucht, plus Pfeife, was sicher seinen frühen Tod mitverschuldet hat. Bei Journalisten mit ihrem Zeitstress mag das ja noch verständlich sein, aber bei einem Professor hat es etwas Selbstzerstörerisches. Auch die Arbeitswut, mit der er das Privatleben der Wissenschaft geopfert hat, scheint mir nicht unbedingt erstrebenswert. Er hatte eine Vereinbarung mit seiner Frau, dass er ein Mal im Jahr mit seiner Familie ins Grüne ging. Noch weniger sein Opportunismus nach der Machtübergabe an die Nazis, auch wenn wir nicht wissen können, wie wir uns in der Situation von 1933 verhalten hätten. Für moralisierende Überheblichkeit besteht sicher kein Grund, aber wenn wir aus der NS-Zeit etwas lernen können, dann doch wohl, dass scheinbar harmlose Anpassungsbereitschaft um der Karriere willen oder aus anderen, auch ehrenwerteren Gründen katastrophale Folgen haben kann, wenn man nicht die Umstände beachtet, an die man sich anpasst. Joseph Roth hat 1938 in der Emigration die Gleichgültigen und Mitmacher heftiger angeklagt als die eigentlichen Antisemiten. Also – Vorbild nicht im Sinne eines unkritischen Nacheiferns, sondern auch im Sinne einer Chance, Einsicht zu gewinnen durch Fehler, die das Vorbild gemacht hat.

Jetzt habe ich Sie nach Ihrem Vorbild gefragt. Inwiefern möchten Sie selbst denn für Ihre Studenten und Doktoranden Vorbild sein? Gibt es so etwas wie Pöttker-Schüler? (markiert gestisch Anfühungsstriche)

(Überlegt) Keine Ahnung! (lacht) Das wird sich irgendwann mal rausstellen. Ich bin ja immer spät gekommen, auch in den Hochschullehrerberuf, und habe meinen Lehrstuhl noch gar nicht so lange. Kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen und ist auch eine Frage, die ganz schwer zu beantworten ist. Das lasse ich mal lieber… (Prof. Pöttker guckt auf seine Armbanduhr, die vor ihm auf dem Tisch liegt)

Ich sehe gerade, dass eine Stunde schon vorbei ist! Haben Sie denn noch ein bisschen Zeit?

Ja, wir haben es schon ein bisschen überschritten, aber…

… ja, deswegen frage ich dezent an.

Ja, machen wir weiter.

Ja, gut, wunderbar! Wenn Sie sich einen Lehrstuhl aussuchen könnten, wohin würden Sie dann gehen wollen?

An welche Universität?

Ja.

(Überlegt) Also, das Berufsorientierte, das wir in Dortmund haben – das würde ich gern behalten. Aber ich würde auch gerne irgendwo sein, wo außer Frage steht, dass Journalistik eine seriöse und tiefgehende Wissenschaft ist. Die berühmte Integration von Praxis – kann es denn Sinn einer Universität sein, das Mediengeschäft nachzuahmen? Bei uns kann Praxis immer nur exemplarisch sein und es muss zentral bleiben, dass es sich um Lehre handelt. Die Universität bietet eine Art Schonraum für Reflexion und Forschung, und daraus können Innovationen für den Beruf kommen, das ist neben Ausbildung der Sinn von Wissenschaften wie Medizin oder Journalistik. Also, ich wäre am liebsten da, wo die Idee der Berufsbezogenheit einer ernsthaft theoretisch und empirisch arbeitenden Wissenschaft selbstverständlich ist, auch unter den Studierenden. Wo das konkret ist, kann ich Ihnen nicht genau sagen. Vielleicht gibt es das nur in den angelsächsischen Ländern. Wenn ich bei meinem ersten längeren Amerikaaufenthalt jünger gewesen wäre und wenn ich die Dinge da schon so betrachtet hätte, wie ich sie heute betrachte, hätte ich wohl ganz gern dort nach einer Aufgabe gesucht. Aber das ist längst vorbei.

Wie gefällt es Ihnen denn – gerade in Vergleich zu Dortmund – in Wien?

Ich habe in Wien eine Vorlesung „Einführung in die Geschichte des Journalismus“ gehalten. Nicht Mediengeschichte, sondern die Entwicklung des journalistischen Handelns, seiner Regulative und Selbstverständnisse. Dafür gab es spürbaren Zuspruch von Studierenden. In Wien steht nicht in Frage, dass Berufsgeschichte notwendig ist. Wolfgang Langenbucher, der dorthin kam, nachdem er neben Kurt Koszyk die Journalistik in Deutschland begründet hat, legt bis heute größten Wert darauf. Was dort nicht so schön ist, sind die hohen Studentenzahlen. Aber davon habe ich nicht viel gemerkt, weil ich keine Vorlesung mit Hunderten von Studierenden hatte, sondern nur so um die 80 bis 100 Leute – die haben fast alle interessiert und mit guten Ergebnissen mitgemacht. Was mir in Wien noch gefallen hat, abgesehen vom Kulturangebot der Stadt natürlich und übrigens auch dem öffentlichen Nahverkehr, war der unkomplizierte Kontakt mit Kollegen wie Fritz Hausjell und Wolfgang Duchkowitsch, auch jüngeren Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen wie Petra Herczeg oder Bernd Semrad und sogar einem Studienassistenten – ein viel schöneres Wort als „studentische Hilfkraft“ – , das war Christian Schwarzenegger. Die haben mich dort alle sehr freundlich und hilfsbereit aufgenommen, haben sich gerade in dem richtigen Maß um mich gekümmert, ohne dass es meine Freiheit eingeschränkt hätte. Ich habe dort mit Wolfgang Langenbucher und Petra Herczeg ein historisch orientiertes Projekt angefangen – sie haben es weitergetrieben, ich habe es angefangen – „Die Bedeutung des Judentums für die Entwicklung des modernen Journalismus“. Außerdem hatte ich in Wien schnell Kontakt zu ÖR1, dem öffentlich-rechtlichen Informations- und Kulturprogramm, von dem sich die dritten Radioprogramme in Deutschland eine Scheibe abschneiden können, weil es trotz des Lärms der kommerziellen Konkurrenz von zehn Prozent der Österreicher gehört wird. Und bei der, wie ich finde, innovativen Tageszeitung Der Standard, von Oskar Bronner mit deutlichen amerikanischen Anklängen gegründet und geleitet, wurde ich zur Redaktionskonferenz eingeladen. Das ist mir in Dortmund noch nie passiert. Die Medien am Standort spielen in unserem Fach ja eine wichtige Rolle. Dortmund ist in dieser Hinsicht vielleicht nicht der allerbeste Ort für ein Journalistikinstitut, trotz eines WDR-Studios und dreier konkurrierender Regionalzeitungen, von denen aber zwei zum WAZ-Konzern gehören. Vielleicht wären wir in Köln, Hamburg, Frankfurt oder auch hier in München besser untergebracht. Ich habe zum Beispiel gemerkt, als es den NRW-Teil der Süddeutschen Zeitung gab, da hatten wir plötzlich intensive Kontakte zu dieser Redaktion, weil viele unserer Studierenden dort gern mitgewirkt haben. Das gab bei uns in Dortmund einen richtigen kleinen Ruck. Leider ist das ein Projekt gewesen, bei dem die Vertriebsfragen nicht vernünftig geklärt waren, und es war dann bald wieder vorbei. Das habe ich sehr bedauert. Also, Journalistik an der Universität einer Metropole, in der es viele Qualitätsmedien gibt, die sich von ernsthafter Wissenschaft was erhoffen, das wäre am schönsten! (lacht)

Was für Ziele haben Sie denn noch während Ihrer Tätigkeit als Professor?

Ich möchte noch dazu beitragen, dass Berufsethik bei uns in Deutschland in der Journaslistenausbildung einen größeren Stellenwert bekommt. Wir haben uns nicht zufällig am Rande der Jahrestagung des Netzwerks Medienethik getroffen – ich bin eine der festangeschraubten Requisiten hier. Ich glaube, in den letzten zehn Jahren bin ich immer um den 20. Februar herum in München gewesen.

Das ist immer hier?

Ja, immer in der Hochschule für Philosophie dank der Gastfreundschaft von Rüdiger Funiok, der hier das Institut für Erwachsenenbildung und Medienpädagogik leitet. Am Anfang war das ein ganz kleiner Kreis, der jetzt doch erheblich größer geworden ist. Es gibt mittlerweile ja auch eine Fachgruppe „Kommunikations- und Medienethik“ in der DGPuK. Und vor zwei Jahren haben wir hier den „Verein zur Förderung der publizistischen Selbstkontrolle“ gegründet, dessen Vorsitzender ich bin. Der FPS hat sich die Aufgabe gestellt, Institutionen wie die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, den Deutschen Presserat oder den Deutschen Rat für Public Relations aus gesellschaftlicher Perspektive aufmerksam zu beobachten. Im vorigen Jahr haben wir das „Handbuch Medienselbstkontrolle“ herausgegeben, in der alle diese Institutionen vorgestellt werden. Ich weiß nicht, ob Sie das kennen?

Ja!

In dem Bereich hätte ich gerne, dass sich noch mehr entwickelt. Aber Berufsethik nicht nur im Sinne der Frage „Wie können wir Standards, die im Pressekodex stehen, wirksamer machen?“. Sondern Ethik der Öffentlichkeitsberufe als eine Wissenschaft, die solche Standards rational und unter Berücksichtigung der jeweils gegebenen Verhältnisse begründet und aus der deshalb auch Reformanstöße kommen. Mittlerweile ist der Pressekodex 30 Jahre alt und es haben seitdem enorme Entwicklungen in Gesellschaft und Medien stattgefunden, die sich meines Erachtens völlig ungenügend in den publizistischen Verhaltensgrundsätzen niederschlagen. Beispielsweise geht es da nach wie vor nur um den klassischen Bereich des Journalismus in Printmedien – aber durch den technologischen und ökonomischen Wandel gibt es mittlerweile viele Tätigkeiten in den Medien, die auch an der Herstellung von Öffentlichkeit beteiligt sind und für die bisher berufsethische Normen fehlen. Journalismus im Internet ist, wenn er nicht in Verbindung mit einem Printmedium steht, ohne Verhaltensregeln. Es gibt auch nichts im Pressekodex, was auf den Krieg Bezug nimmt – der Kodex stammt von 1973 und damals kam eine Beteiligung Deutschlands an Kriegen nicht in Frage, der Zweite Weltkrieg war lange vorbei und das Land war nicht souverän, konnte sich gar nicht international an militärischen Konflikten beteiligen. Das ist mittlerweile anders geworden. Es sollte wohl in einem Verhaltenskodex für Journalisten stehen, wie man mit Militärzensur umgeht, auch mit der Zensur des eigenen Bündnisses. Und der ganze Bereich der Öffentlichkeitsarbeit fehlt, die die Medien selbst betreiben – dass sie selber Spenden sammeln und das ganze redaktionelle Marketing. Das sind Bereiche, für die neue berufsethische Standards notwendig wären. Auf der anderen Seite gibt es im Pressekodex aber auch ein Zuviel an Regeln. Wenn Sie einem Journalisten vorschreiben, dass er irgendetwas nicht sagen darf, und dieses Verbot ist weder durch Persönlichkeitsrechte noch durch Jugendschutz noch durch allgemeine Gesetze abgedeckt, also nicht legitimiert durch Einschränkungen der Pressefreiheit, wie sie Artikel 5 Grundgesetz vorsieht, und auch nicht legitimiert durch Verletzung der professionellen Wahrheitspflicht – dann ist das immer problematisch. Die Regel, dass man Nationalitäten und ethnische Gruppenzugehörigkeiten bei Straftätern nicht nennen darf, da kommt man in Konflikt mit der Pressefreiheit und auch mit der Aufgabe des Journalismus. Dass es für Journalisten eine Antidiskriminierungsregel gibt, das ist absolut notwendig. Aber sie muss flexibel sein. Dass sie mit konkreten Formulierungsverboten gefüllt wird, die nicht mehr dem Kulturwandel angepasst werden können – was vor 30 Jahren noch diskriminierend war, das muss heute nicht mehr diskriminierend sein und umgekehrt – , das nimmt Journalisten den nötigen Freiraum für ihr Verantwortungsbewusstsein, stößt sie vor den Kopf, weil es nicht mit ihrem professionellen Selbstverständnis zusammenpasst. Also, es gibt viel zu überlegen und möglicherweise auch zu verändern. „Public Ethics“ als Wissenschaft, die das alles überlegt, Normen auf eine rationale Grundlage stellt und sich natürlich auch damit befasst, wie man sie wirksam machen kann – das kommt meines Erachtens bisher in Deutschhland zu kurz. Dabei ist es enorm wichtig. Die deutsche Gesellschaft bietet zur Zeit kein besonders gutes Bild, es mangelt an Wirtschaftswachstum und Produktivität, seit langem absehbare Probleme drohen uns über den Kopf zu wachsen. Man kann von einer schlappen Gesellschaft sprechen, besonders im Vergleich zu Nordamerika oder Osteuropa, wo ich ja öfter bin. An Risikofreude und unternehmerischem Geist fehlt es in allen Schichten, Ökonomie ist ein reines Kostenkalkül, die Frage nach dem Nutzen und der Notwendigkeit von Aktivitäten wird kaum gestellt. Die Reformunfähigkeit hängt sicher auch mit einem schlechten Zustand der Öffentlichkeit zusammen. Belangloser Informationsmüll verstopft die gesellschaftlichen Kommunikationskanäle, wichtige Probleme bleiben unter der Decke. Man kann auch sagen, die Öffentlichkeit hat zu wenig Biss. Und das wiederum hängt mit einem Mangel an Berufmoral zusammen, viele Leute in den Medien kennen ihre Aufgabe nicht, wissen gar nicht, wozu sie da sind. Das gilt auch für die Öffentlichkeitsarbeit. Die Qualität der gesellschaftlichen Öffentlichkeit hängt ja nicht nur vom Journalismus ab, sondern auch von der Öffentlichkeitsarbeit, die Unternehmen, Parteien, Verbände betreiben und bei der die Journalisten sich bedienen müssen, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig werden wollen. Es ist nicht nur blauäugig, wenn das Netzwerk Recherche in seinem gerade erschienenen Kodex verlangt, Journalisten dürften keine Öffentlichkeitsarbeit machen. Die Regel müsste anders lauten: Journalisten müssen wissen, wie Öffentlichkeitsarbeit funktioniert, so wie die Öffentlichkeitsarbeit schon immer gewusst hat, wie Journalismus funktioniert, und sich daran orientiert hat. Was nicht heißen soll, dass die beiden Sphären vermischt werden sollten, im Gegenteil, man muss sie scharf unterscheiden. Aber gerade deshalb muss man die andere Sphäre kennen, auch das gehört zur Berufsmoral. Also: Stärkung einer zeitgemäßen, an der Öffentlichkeitsaufgabe orientierten Berufsmoral, indem man entsprechende Programme überall dort institutionalisiert, wo für Medientätigkeiten ausgebildet wird. Und natürlich auf der Grundlage von Forschung. In diese Richtung habe ich mir noch was vorgenommen! Aber ich kann natürlich nur darauf hinwirken, dass mal ein Anfang damit gemacht wird. (lacht) Bei einer anderen Sache, an die ich auch denke, ist das anders – aber dazu werde ich wohl erst nach der Pensionierung kommen: ein Buch über Journalismus, das nicht systemtheoretisch und nicht konstruktivistisch ist, sondern historisch orientiert. Keine Geschichte des Journalismus, sondern ein Buch über Journalismus, das lediglich eine historische Perspektive hat und versucht, die Entwicklung dieses Berufs im Rahmen der Modernisierungstheorie zu betrachten. Mit Blick auf das, was heute konkret in diesem Beruf passiert. Ein Buch, das Menschen, die in diesem Beruf arbeiten, etwas bietet: historische Vorbilder – unter Umständen auch negative, von denen man kritisch lernen kann – , um den heutigen Journalismus besser zu verstehen. Das würde ich gern noch machen, wobei ich sicher an eigene Aufsätze über Journalisten wie Defoe, Puschkin, Heine oder über die Entstehung der Nachrichtenpyramide und der professionellen Trennungsgrundsätze anknüpfen könnte.

Jetzt haben Sie eigentlich auch schon meine letzte Frage beantwortet: „Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?“ Hinter dem Schreibtisch?

Das eher nicht, jedenfalls nicht nur! (lacht) Ich bin in den letzten Jahren ziemlich viel rumgekommen, habe nicht nur Kontakte nach Iowa und Wien, sondern auch zu zwei russischen Universitäten, Rostow am Don und Stawropol, nach Slowenien, nach Oslo. Im vergangenen Jahr habe ich zusammen mit dem norwegischen Kollegen Svennik Høyer bei Nordicom in Göteborg ein Buch herausgegeben, „Diffusion of the News Paradigm 1850 – 2000“, das sich damit befasst, wie sich das angelsächsische Nachrichtenparadigma über die Welt ausgebreitet hat. Dieses internationale Feld lockt mich. Wenn Sie fragen „wo“, dann fragen Sie ja auch nach dem geographischen Ort… Wenn ich gesund bleibe, könnte ich mich vielleicht in ein Programm wie „Emeritierte Hochschullehrer für Osteuropa“ oder etwas ähnliches einfädeln. Durch die Auslandsaufenthalte und Auslandskontakte habe ich viel gelernt, man weitet den Blick und nimmt für die eigene Tätigkeit vieles mit. Ich weiß zum Beispiel, dass sich ein Buch, das die Entwicklung des Journalistenberufs nachzeichnet, nicht auf die deutschsprachigen Länder beschränken darf. Dieser Beruf ist ursprünglich in den angelsächsischen Ländern entstanden. Daniel Defoe war einer der ersten, der sich darüber klar war, Journalist zu sein – auch wenn er es noch nicht so genannt hat. Aber er hat über das, was er da eigentlich tut als Herausgeber und Autor einer aktuellen Zeitung, intensiv nachgedacht. Er hat für Pressefreiheit und Urheberrechte gekämpft – also dafür, dass man von dieser Tätigkeit leben kann. Und er hat schon für die professionelle Wahrheitsnorm gekämpft. Ich bin mir sicher, dass ein Buch, wie ich es vorhabe, nur in internationaler Perspektive möglich ist, mindestens müssen die angelsächsischen Länder intensiv vorkommen, Frankreich und Russland daneben auch. Was Arbeitsorte angeht, müssten sie bei mir allerdings schon englischsprachig sein, oder, wenn es zum Beispiel in Osteuropa wäre, müsste ein großes Fach Germanistik da sein mit vielen Studierenden, die Deutsch sprechen und an Deutschland interessiert sind. Unsere russische Partneruniversität Rostow am Don wäre so ein Ort. Da könnte ich mich zum Beispiel für ein oder zwei Semester sehen. Ich habe in Dortmund einen Freund aus dem Fach Anglistik, Edzard Obendiek, der mit Mitte 70 längere Zeit in Rostow gelebt und gearbeitet hat – für mich durchaus vorstellbar. Also: Nur hinter dem Schreibtisch nicht, aber bitte ohne Administration! (lacht) Von diesem Teil des Hochschullehrerdasein würde ich denn doch irgendwann ganz gern entpflichtet sein. Ich bin seit drei Jahren Prodekan für Haushalt und Organisation in meiner Fakultät – das muss ja jemand machen, und ich täte es an sich auch nicht ungern. Aber in den Zeiten, die wir jetzt erleben – mit den Budgetproblemen, mit dem Umstellen auf Globalhaushalt, mit den neuen Studiengängen und ihrem potenzierten Verwaltungsaufwand, dazu noch in einer Hochschule, die sich als Technische Universität profilieren will, was zur Zeit offenbar nur auf Kosten der Humanwissenschaften denkbar ist – da hat das eine Eigendynamik gekriegt, die entschieden kontraproduktiv ist. Sich davon zu verabschieden heißt ja nicht, dass man nicht noch Lehre machen kann – was ich gern täte.

Jetzt haben Sie sehr viel über Ihren Beruf gesprochen und ich habe Sie sehr viel gefragt. Gibt es denn etwas, was Sie gerne noch hier in dem Rahmen sagen möchten?

Ja, ich würde dem Fach gern noch etwas sagen… Über Berufsethik haben wie vorhin gesprochen. Wir sollten aber noch etwas anderes – die Geschichte des Berufs – nicht vergessen. Es gibt ja bisher nur Mediengeschichte, aber keine Geschichte des Journalismus. Wenn ich eine Vorlesung mit diesem Titel halte, dann mache ich das in Episoden, behelfe mich mit Aufsätzen, eigenen und von anderen Autoren. Gerade in einem praxisbezogenen Fach sollten wir aber die historische Dimension nicht vernachlässigen. Dabei sollte die Beschäftigung mit der Vergangenheit natürlich kein Selbstzweck sein, sondern der beruflichen Selbstverständigung dienen. Man kann die Vergangenheit wie ein Experimentierfeld betrachten, auf dem man sieht, wozu Menschen in der Lage sind – negativ wie positiv. Ein Fach Journalistik oder auch Kommunikationswissenschaft, das sich noch stärker in die sozialwissenschaftliche Richtung entwickelte und die historisch-hermeneutische Dimension vergessen würde – davor möchte ich warnen! Ich will Ihnen wenigstens ein Beispiel nennen: Wenn ich, wie kürzlich geschehen, eine Diplomarbeit bekomme, die empirisch die Jugendseite einer Zeitung untersucht, und dort wird Jugend wegen der Operationalisierbarkeit von vornherein definiert als die Phase zwischen dem zwölften und dem 30. Lebensjahr, dann fehlt eben die historische Dimension. Diese Definition ist unhistorisch, denn man kann sie auf jede Kultur anwenden, von der Urgesellschaft, in der es auch schon ein zwölftes und ein 30. Lebensjahr gab, bis zur Gegenwart. Eine historisch informierte Wissenschaft dagegen definiert Jugend als die mit besonderen Freiheiten verbundene Lebensphase zwischen der biologischen Reife und der Übernahme von Erwachsenenrollen. Wenn man so vorgeht, dann sieht man sofort, dass Jugend nicht schon immer da war, sondern – wie alle Kulturphänomene – irgendwann entstanden ist. In archaischen Gesellschaften und der Vormoderne fielen Arbeitsaufnahme und Familiengründung grob gesehen mit der biologischen Reife zusammen. Jugend ist also erst mit der Modernisierung entstanden, als die beiden Punkte weiter auseinandertraten – man muss eben mehr lernen in modernen Gesellschaften, damit man Erwachsenenrollen übernehmen kann, und die biologische Reife ist durch die Akzeleration vorverlegt worden. Das ist grob gesagt im 19. Jahrhundert passiert, mit der Industrialisierung. Jugend ist also ein relativ junges Phänomen. Und wenn man das weiß, dann versteht man auch, warum es der Jugend immer so besonders um ihre Autonomie zu tun ist: Sie muss immer noch darum kämpfen, als eigene Lebensphase und Lebensform anerkannt zu werden. Und wenn man das wiederum weiß, dann erinnert man sich daran, dass zum Beispiel Baldur von Schirach, der Reichsjugendführer, gesagt hat: „Jugend muss durch Jugend geführt werden“. Und man versteht, warum er das gesagt hat, denn mit dem Appell an das Autonomiebedürfnis sind die Nazis bei der Jugend angekommen. So, und nun hat man ein einen anderen, distanzierteren Blick auf Jugendseiten, deren Konzept es ist, dass sie partout von Jugendlichen selber gemacht werden sollen. Ich sage ja nicht, dass das verkehrt ist, das ist zweifellos ein sehr erfolgversprechendes Konzept, wenn man bei jugendlichen Lesern ankommen will. Aber man sollte sich bewusst sein, dass damit immer das Problem der politischen oder auch kommerziellen Instrumentalisierbarkeit, der Verführbarkeit der Jugend verbunden ist, wenn man ihr Autonomiebedürfnis absolut setzt und sie sich nur mit sich selbst beschäftigen lässt. Das heißt dann, dass Kontexte leicht ausgeblendet werden. Für dieses Problem können wir aber nur sensibel bleiben, wir die historische Dimension nicht verlieren! Wenn man aber sieht, was im Moment an Hochschulen passiert, auch in unseren Fächern, bekommt man es mit der Angst zu tun. Was zählt denn Geschichte, auch Kommunikationsgeschichte noch? Ihre Notwendigkeit in der Ausbildung wird in Frage gestellt, vielleicht nicht offiziell, aber de facto, auch in der Wissenschaft triumphiert das Aktualitätsprinzip, das eigentlich nur in den Journalismus gehört. Das ist auch eine Erscheinungsform der Medialisierung von Teilsystemen wie der Wissenschaft, über die jetzt so viel diskutiert wird. Also: Ich glaube, dass die geschichtliche und auch die normative Dimension unseren Fächern nicht verloren gehen dürfen. Ich würde gern die historische Tiefe und das Berufsethos stärken, mindestens bewahren. In der Hinsicht bin ich sehr konservativ! (lacht)

(lacht) Das war ja jetzt ein inbrünstiges Schluss-Plädoyer! Herr Professor Pöttker: Ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken.

Ihnen auch vielen Dank. Sie haben mich ja doch dazu gebracht, ganz schön viel zu erzählen. Aber das hier dient ja hoffentlich auch dem Herstellen von Öffentlichkeit… (lacht)